Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Die Sendung des Heils
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 220 (sequence 1)
- Language
- German
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Manfred Sturmann / Die Sendling deS HeÜS £\ abbi Arnram inNehardea war ob seiner Tugend undGelehrsamkeit von allen seinen Zeitgenossen gerühmt. Er war noch jung an Jahren, aber sein Wissen übertraf bereits das der Weisen seiner Zeit. Sein Name war gerühmt in aller Mund. Rabbi Amram war von wunderbarer Schönheit, und es hieß, daß die Frauen des Ortes, sobald sie seiner ansichtig wurden, ihre Augen in die Tücher senkten, um beim Anblick dieses Frommen und seiner Schönheit keine Gedanken zu hegen, die seiner unwürdig waren. Die einzige Frau, die um ihn war und seinem Hause vorstand, war seine Mutter Rahel. Dieses Haus stand am Markte und war das stattlichste der Stadt. Hier versammelten sich die Männer oft, um den gelehrten Vorträgen und Belehrungen des Rabbi zu lauschen. Es saßen Männer von hohem Alter und großem Wissen zu Füßen des Jünglings. Einst wurde eine Anzahl von gegangenen Frauen nach Nehardea gebracht und im Hause Rabbi Amrams auf dem Dachboden eingeschlossen. Man entfernte die Leiter, die zum Dachboden hinaufführte, damit niemand zu den fremden Frauen gelangen konnte. Rabbi Amram hatte seine Studierstube unter dem Dachboden, um hier oben, den übrigen Räumen des Hauses entfernt, ungestört lernen und forschen zu können. Hier saß er nun über seinen Büchern nach seiner Gewohnheit, als er plötzlich ein Flüstern der gefangenen Frauen über sich vernahm. Er steckte die Finger in die Ohren, um nicht gestört zu werden, und verharrte so eine Weile. Da begann sich seine Stube aufzuhellen, so als hätte eine unsichtbare Hand viele Kerzen angezündet. Der Rabbi blickte zur Decke und sah nun, daß die Falltür, die zum Dachboden führte, von innen her geöffnet war. Ein Mädchenkopf zeigte sich, von solch einer betörenden Schönheit, daß den Händen Rabbi Amrams das Buch entfiel, in dem er gelernt hatte. Wie gebannt starrte er in das überirdisch schöne Gesicht des Mädchens, und er spürte, daß von hier die rätselhafte Helle ausging, die den Raum erfüllte. Der Rabbi fühlte ein Zittern in den Handgelenken, eine heiße Welle überflutete sein Herz. Die Augen des Mädchens bezauberten ihn, dieser Blick von der Decke her durchbohrte, so schien es, seine Brust und traf sein Innerstes. Der Rabbi erhob sich, wie von einer fremden Hand gezogen, stürzte aus dem Hause, in den Hof, wohin die Männer die Leiter gebracht hatten. Und obgleich diese so schwer war, daß vier Männer sie nur mit Mühe fortbewegen konnten, trug sie der Rabbi allein hinauf in seine Studierstube, als hätte sie plötzlich kein Gewicht mehr, lehnte sie an die Öffnung des Dachbodens und stieg hinauf, dem Mädchen entgegen, das seiner harrte. Als er aber die Mitte der Leiter erreicht hatte, gelang es ihm, sich zu überwinden und den bösen Trieb zu bannen. Damit er 220