Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Grenzen der Normalisierung
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 199 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Grenzen der Normalisierung negativen Rückwirkungen nach außen und innen. Diese Grenzen der Normalisierung stellen auch die Richtlinien in Rechnung. Aber sie übersehen eine andere Grenze der Normalisierung, nämlich die Unmöglichkeit, über die natürliche Eigenart des jüdischen berufsuchenden Menschen hinwegzukommen und diejenigen geistigwirtschaftlichen Tatsachen zu mißachten, die die jüdische Existenz seit jeher auch unter noch ungünstigeren Umständen als heute gewährleistet haben. Denn eine schematische Normalisierung würde nicht nur nach Lage der Dinge, sondern auch unter jederlei Voraussetzungen eine Atomisierung der jüdischen Gemeinschaft und eine Isoliertheit des jüdischen berufstätigen Menschen bedeuten, die zu beheben schließlich weder Gemeinde noch Bund noch Verband imstande sein würden. Niemand von uns wird Bemühungen, dem einzelnen Juden, vor allem dem jungen, einen ihn tragenden Platz im Leben zu verschaffen, als unwichtig ansehen können; aber vom Standpunkt jüdischer Gesamtplanung haben solche Bemühungen nur ihren Sinn und Wert, wenn sie mit der Sicherung des Einzelnen zugleich auch der sozialen Einheit der Gesamtheit und damit ihrer Autorität dienen. Nach dieser Richtung sollte die Berufsausbildung unserer Menschen, soweit sie nicht von vornherein ihre Entscheidung für Palästina getroffen haben, ausgerichtet sein. Es fragt sich deshalb, ob die Richtlinien den sozialen Wert z. B. der kaufmännischen Ausbildung nicht etwas zu sehr unterschätzen. In Palästina ist die normal strukturierte jüdische Gesellschaft denkbar und erstrebenswert, weil jeder dort, gleichgültig wo jemand steht, als Jude im jüdischen Zusammenhang steht. Für die Gliederung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland dagegen, bei der diese für uns notwendige Voraussetzung nicht zutrifft, muß die Beratung, die Vorbereitung und die Entscheidung ebensosehr wie auf die Zukunft des Einzelnen auf das Schicksal der Gesamtheit Rücksicht nehmen. Das Bestreben der jüdischen Jugend, aus eigenem Entschluß sich handarbeitenden Berufen zuzuwenden, stellt einen auch von uns begrüßten Protest gegen einen immer blasseren Intellektualismus und eine immer stärkere Entferntheit vom ursprünglichen Wirtschaften dar. Es muß aber Sorge getragen werden, daß dieser Rückschlag nicht über den ursprünglichen Zweck hinausgreift und von der entgegengesetzten Seite her zu einer Gefahr für die Ge-, meinschaft wird. A.H. 199