Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Max Pallenberg
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 194 (sequence 1)
- Language
- German
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Max Pallenberg Mit Max Pallenberg, der erst im 56. Jahr stand und durch ein Flugzeugunglück in Karlsbad zu Tode kam, ist ganz gewiß die großartigste Kraft gestorben, die während der letzten Jahrzehnte aus jüdischem Bhit am deutschen Theater zum Einsatz gelangte. Unter vielen bedeutenden und zum Teil merkwürdigen Talenten war wohl nur er ein Genie. Eine ganz außerordentliche Kraft also. Aber war es eigentlich eine jüdische? und war es eine böse oder gute Kraft? Der Mann stammt aus der Tiefe des jüdischen Österreichs und hat auf dem Umweg über Schmieren und Possenbühnen erst langsam seinen Aufstieg genommen, der ihn eine Zeitlang an die Bühnen Max Reinhardts und dann zu freier Virtuosenfahrt überallhin führte. Wenn er nun in irgendeinem blöden Schwank auf der Bühne stand, den Text in hundert Wortspielen zermalmte, durch jähe Grimmassen und erschütternde Beinstellungen die Leute zu rasendem Lachen brachte, da war er zweifellos der Erbe der großen alten österreichischen Wurstl-Tradition(„Der letzte Wiener" hieß zufällig die letzte Premiere, in der er aufgetreten ist). Aber, war am Ende die Wiener Tradition an sich heiterer und leichter? War die nihilistische Lust, mit der Pallenberg die Sprache zertrümmerte und die Gestalten auflöste, etwas Jüdisches? War er am Ende mit all seinem Genie ein echter Vertreter dessen, was man so gern den „zersetzenden, Geist" des Judentums nennt? Es fehlt nicht an Leuten, die dem Toten das unmittelbar und heftig attestiert haben. Nur mußten sie dazu mehr als die Hälfte seines Werks und Wesens vergessen! Denn dieser allzu berühmte Komiker war zugleich ein längst nicht genug gerühmter Tragiker und war überall, wo er in den Dienst eines wirklichen Dichters trat, bei Hauptmann und bei Ibsen, bei Moüere und bei Shakespeare, bei Raimund und bei manchen besseren Franzosen ein ganz treuer und hingebender Diener am dramatischen Gesamtwerk, auch ein sehr vorsichtiger Verwalter des Textes, weltfern von jeder eigenmächtigen Improvisation! Er konnte dasitzen mit einem bekümmerten Seehundsgesicht in unerschütterlicher Ergebenheit, er konnte als ein weißhaariger ehemaliger Detektiv aus gespielter Senilität plötzlich dämonisch losbrechen; er konnte als Hauptmanns „kinstlicher" Schluck von rührend sanfter Betulichkeit sein und als halbtauber Rentier Krüger cholerisch fauchen und poltern. Er hatte in einem französischen Stück von Mazaud als betrogener Ehemann einen unvergeßlich verblutenden Ton von letztem Leid, und in Pirandellos Spukstück von den sechs Personen sammelte sein Theaterdirektor alles Grauen der unverstandenen Welt auf seinem langsam erstarrenden Gesicht und seinen zusammensinkenden Schultern. Wie er als Diktator in Molnars „Eins, zwei, drei" in einem fünfviertelstündigen Galopp von letzter Energie keinen Ton und keine Bewegung machte, die nicht mitten ins Zentrum dieser mit atemloser Schnelle geführten Sache zielten, so schüttete er wohl als Molieres eingebildeter Kranker nun- 194