Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Max Pinkus
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 191 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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in die reiche Dämmerwelt, das Gebiet von Schlesiens Seele, wo es unter eigner Sonne mystisch nebelt, grundhaft schwebt. Max Pinkus war wirklich, wie Hauptmann ihn apostrophiert, der „Magier" dieser Tempelzelle, in der er sich gewissermaßen vom Staube des Alltags reinigte und zur inneren Harmonie seines Daseins fand. So jäh ihn eine unbändige Reiselust — gerade im letzten Jahrzehnt seines Lebens — zuweilen befiel und auf Monate, ja halbe Jahre in fernste Erdteile verwehte: seine tiefste Sehnsucht galt doch immer nur der beschaulichen Stille der Neustädter Tempelzelle, und er war — nach langer wie nach kürzester Trennung — doppelt glücklich, heimzukehren. So war es auch vor anderthalb Jahren, als Max Pinkus, vor allen Festlichkeiten und Ehrungen zu seinem 75. Geburtstag fliehend, mitten aus dem deutschen Winter nach Kamerun gefahren war, weil er gegen jede Feierlichkeit, gegen alle Festpathetik die Abneigung und Scheu eines nach innen lebenden Menschen empfand. Schlesische Historiker und schlesische Dichter von den Anfängen bis zur Gegenwart umfaßt seine Bücherei von etwa 17 000 Bänden, daneben Autographen und alte ehrwürdige Urkunden. Es gibt wohl nur wenige öffentliche Büchereien in Schlesien, wenige von Generationen zusammengetragene Privatsammlungen alter Geschlechter, die ihr an Vielfalt und Reichhaltigkeit, ja an Vollständigkeit gleichen. Einige besondere Kostbarkeiten und Seltenheiten sind wohl gar einmalig. Die Dichter und Denker des schlesischen Barock (Opitz, Logau, Gryphius, Böhme und Angelus Silesius) sind so vollständig vorhanden, daß man hier manches einzigartige Stück finden dürfte. Natur-, Kultur- und Geistesgeschichte Schlesiens; der ganze Umkreis wesenhaften Lebens seiner Heimat ist gegenwärtig in der Pinkusschen Bücherei, die sich streng auf Schlesien beschränkt und gerade darum für die tiefe innere Verbundenheit zeugt, die Max Pinkus unlösbar an das Land seiner Geburt und seines Wirkens knüpfte. Er war aber nicht etwa ein „Bücherwurm", der an dem Besitz seiner kostbaren Schätze Genüge fand. Er öffnete Gelehrten, Forschern und allen, die ein echtes und ehrliches Interesse nach Neustadt führte, die Tür zu seiner „Tempelzelle", war stets mit Rat und Tat bei der Hand und unterhielt — einer der wenigen wahrhaften und lebendigen Briefeschreiber, die es noch gab — eine ausgedehnte literarische Korrespondenz rund um den Erdball. Seine Briefe waren Begegnungen mit seiner Persönlichkeit Sie sind heute, aufbewahrt, sein menschliches Vermächtnis; die Großzügigkeit und Bescheidenheit dieses Mannes lebt in ihnen fort. Max Pinkus ist vielen schöpferischen Menschen seiner Zeit ein treuer Freund gewesen, ein Mäzen im besten Sinne. Otto Flake ist zu stiller Arbeitsmuße bei ihm in Neustadt eingekehrt. Hermann Stehr fand dort Zuflucht, als in der Zeit der Wohnungszwangswirtschaft sein eigenes Haus in Schreiberhau ihm keine Werkruhe gönnte. Er schrieb in Neustadt seine Erzählung „Der Geigenmacher", die den Namen Max Pinkus in der Widmung trägt.Gerhart Hauptmann aber 191