Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Friedrich Nietzsche und der jüdische Geist
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 188 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Man macht sich bei uns keine Vorstellung vom Einfluß Nietzsches auf östliche Geister. Tatsächlich traf Nietzsche da auf einen besseren Boden. Der Mensch des Ostens pflegt, im Gegensatz zum zivilisierten Mittel- und Westeuropa, geistige Dinge toternst zu nehmen. Goethe, Flaubert und Oscar Wilde wurden bestenfalls mit Liebe gelesen, Dostojewski und Tolstoj mit Einsatz des ganzen östlichen Menschen erlebt. Nietzsche muß aber östlich erlebt, wie unter Lebensgefahr erobert und nicht bloß con amore gelesen werden — und darum fand er im Osten vielleicht nicht die meisten, aber vielleicht die besten Leser. Berdyczewski, der junge, aus dem ukrainischen „Ghetto-Käfig entronnene" Schriftsteller, begnügte sich nicht damit, die Gedanken und den Rhythmus Friedrich Nietzsches ins Hebräische hinüberzutragen. Er war kein Epigone. Er sättigte sich in Deutschland mit der antiken und der modernen Philosophie und überholte von neuem, von anderem Standpunkt aus, sein großes, mitgebrachtes chassidisches und talmudisches Erbteil. Wie Nietzsche trat er als Kulturkritiker auf, und seine Stimme ist die Stimme des Gewissens: Der Zionismus wolle die Erlösung des heimatlosen Volkes und beginne mit der Gründung einer Partei und Kongressen; der Führer des Volkes nach Zion verbleibe auch als solcher noch Feuilleton-Redakteur eines liberalen Wiener Blattes; die Erlösung werde durch Almosen finanziert; anstatt zu handeln, gründe man Kommissionen usw. Man sieht, dieser Jünger Zarathustras war es auch insofern, als er vom Leben und nicht von den Büchern seines Meisters ausging, dem er im besten Nietzsche-Sinne treu blieb, indem er sich von Nietzsche immer weiter entfernte. Er begann mit der Kulturkritik und drang konsequent zur Kultur selbst vor. Von theologischen Arbeiten kam er auf ästhetische, von publizistischen rasch zu epischen Darstellungen, von der hebräischen Sprache zur jiddischen und zur deutschen. Und obwohl in diesem Leben alle die erwähnten Stadien nicht „folgerichtig" hintereinander, sondern auch noch nebeneinander zu treffen sind, kann man doch wohl mit Recht das Stadium für das letzte und höchste halten, in welchem Berdyczewski — er nannte sich nun „bin Gorion" — die jüdischen Sagen, Mären, Legenden und Historien sammelte und neu gestaltete. Seine beiden großen Sammelwerke „Die Sagen der Juden" und „Der Born Judas" (der jetzt bei Schocken in einer komprimierten, einbändigen Volksausgabe erschienen ist, ohne den wissenschaftlichen Apparat der großen Ausgabe, aber darum nur desto schmackhafter für Laien und Liebhaber) werden bleiben, nicht bloß weil darin die Phantasie des Volkes von drei Jahrtausenden bewahrt ist, sondern auch weil bin Gorion damit, mit diesem Insvolkgehen, mit dieser Rückkehr zu den Quellen tatsächlich den einzigen Weg gefunden hat, der über Nietzsche hinausführen konnte. Um das richtig zu würdigen, muß man mit Jahrtausendmaßstäben messen. Eine „Überwindung" Nietzsches heißt keine Feindschaft gegen Nietzsche, noch eine Widerlegung oder dergleichen. Um mit Nietzsche „fertig" zu werden, schrieb damals Jack London den „Seewolf" und „Martin Eden", und nachdem er Nietzsche 188