Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Friedrich Nietzsche und der jüdische Geist
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 187 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedrich Nietzsche und der judische Geist Notizen anläßlich einer bin-Gorion-Volksausgabe „Kommt her und laßt euch künden, was euch in den letzten Tagen begegnet: So ihr euch nicht überwindet, die Geschichte aus eurem Gedächtnis zu tilgen, so wird die Geschichte euch verschlingen, eure Seelen und euren Körper, und Zeiten werden heraufkommen, da ihr einem toten Stück geschriebener Geschichte gleich sein werdet . . ." „O meine Brüder, tut ab von euch die Fesseln der Geschichte und wählet das Leben! Das Leben ist nicht Geschichte. Geschichte ist etwas Feststehendes, das Leben indessen wird, fließt, ändert sich, dehnt sich aus, wächst in die Breite und Tiefe . . Solche und ähnliche Sätze könnten wir noch viele zitieren. Von wem stammen sie? Wir haben mancherlei Kenner und Liebhaber raten lassen, und der Wahrheit am nächsten kam wohl ein Nietzsche-Kenner, der diese Zitate für bisher unveröffentlichte Notizen zum Zarathustra hielt. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Übersetzung aus dem hebräischen Buch „AI em haderech" von M. J. Berdyczewski, das 1899 in Warschau erschien. Diese Jahreszahl ist wichtig, daß es ein hebräisches Werk ist, ist wichtig, und daß es in Warschau erschien, ist wichtig. Um diese Zeit lebte Nietzsche noch, sein Werk war wenig bekannt, und selbst die Hetze dagegen hatte noch kaum angefangen. Wer kannte Nietzsche damals schon in Deutschland? Damals war die Blütezeit, Deutschland die Hochburg des Materialismus, und Haeckel war sein Apostel. Man muß es heute in die Gehirne hämmern, daß es Juden waren, die damals für Nietzsche und gegen den platten Materialismus fast allein auftraten: Georg Brandes im Norden, Henri Bergson im Westen, Berdyczewski im Osten. Warum kramen wir diese vergessenen Dinge heraus? Um wieder einmal den jüdischen Anteil an der Kultur zu reklamieren? Nein, nur um die Vorurteile auch der jüdischen Jugend einmal zu beleuchten, die vielfach so tut, als hätte es um die Jahrhundertwende nur liberale Kommerzienräte und „historische" Materialisten unter unseren Eltern gegeben. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir schon vom Materialismus sprechen, der ja ein philosophischer Ausdruck ist (kein Werturteil), so wollen wir auch gleich feststellen, daß die jüdischen Philosophen der Zeit, Bergson, Simmel, Hermann Cohen, selbst Mauthner, von Husserl und Brunner ganz zu schweigen, alles Mögliche, aber keine Materialisten waren und daß es außerdem nicht die geringste Veranlassung gibt, „die" Juden mit irgendeinem Ismus zu identifizieren. Im Osten vollends ist die Situation immer noch klarer gewesen. Die russischen Juden konnten unter der Zarenherrschaft schon aus Staatsgründen mit marxistischen Prinzipien lange nicht so rasch und intensiv durchsetzt werden wie etwa die Arbeiter Westeuropas. Viel maßgebender dafür aber war noch die religiöse Verwurzelung der Juden. Und wahrhaftig, der Übergang etwa vom Chassidismus zu Nietzsche ist noch eher denkbar als zum Marxismus. 187