Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Der Lehrer Jochanan ben Sakkai
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 184 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Lehrer Jochanan ben Sakkcd sammen und sprach zu ihnen: Warum wollt ihr den Untergang Jerusalems und des Tempels? Seht, der Römer begehrt von euch nur Bogen oder Pfeil. Sie aber antworteten ihm, wie sie Vespasian geantwortet hatten. Es waren in der Stadt dem Vespasian ergebene Leute, die pflegten, was sie an Gerüchten hörten, auf Pfeilen aus der Stadt herauszuschießen; auf einer dieser Botschaften stand: Rabban Jochanan ben Sakkai ist ein Freund des Römers. Da nun Jochanan während dreier Tage vergeblich seine Mahnung wiederholt hatte, rief er seine Schüler Elieser und Josua und sprach zu ihnen: Steht mir bei und schafft mich von hier fort, zimmert mir eine Lade, und ich will mich hineinlegen. Sie taten so, Elieser faßte das Kopfende des Schreins, Josua das Fußende, und sie gelangten bei Sonnenuntergang an das Stadttor. Die Wächter fragten: Was tragt ihr? Sie erwiderten: Einen Toten haben wir im Sarge, und ihr wißt, daß kein Leichnam zu Jerusalem über Nacht bleiben darf. Da sagten die Wachen: Ist es ein Toter, so dürft ihr passieren. Also gelangten sie heraus und trugen den Sarg bis vor Vespasian; man öffnete die Lade, und der Lehrer stand vor dem Römer. Vespasian sagte: Du bist Jochanan ben Sakkai; erbitte dir von mir, was du willst. Der Meister antwortete: So bitte ich dich allein darum, daß du mir die Stadt Jabne überlassest; dort will ich meine Schüler unterweisen, die Gebete festsetzen und unseren Glauben pflegen. Vespasian sprach: Zieh hin und tu deine Tat! Jochanan ben Sakkai war unterwegs, als sein Schüler Josua ihn ereilte und ansprach mit den Worten: Wehe uns, daß der Tempel gefallen ist, das Gebäude unsres Lebens, die Opferstätte, durch die wir immer entsühnt wurden! Der Meister erwiderte: Es sei dir nicht leid; ein andres Sühnemittel ist uns dafür zuteil geworden. Der Schüler fragte: Welches? Und Jochanan antwortete: Ich meine das Wohltun, wie auch der Prophet Hosea sagt: „Gütigkeit heische ich, nicht Opfer." Als Jochanan ben Sakkai sterben sollte, kamen seine Schüler zu ihm und sprachen: Meister, segne uns! Da sprach er: Möge es stets so sein, daß die Furcht vor Gott in euch nicht geringer sei als die Furcht vor den Menschen! Sie fragten: Nur so groß hat die Gottesfurcht zu sein? Er gab zur Antwort: Ach, daß sie nur so wäre! Ihr habt es erfahren: der Mensch, der eine Sünde begelit, kennt nur die eine Sorge: wenn mich doch keiner dabei sieht! Er weiß, daß nichts vor dem Heiligen, gelobt sei er, verborgen bleibt, und dennoch scheut er nur die menschlichen Zeugen. Übersetzt von Rahe 1 bin Gorion. 184