Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Kleiner Emigrant
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 178 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Vati, melde mich doch bitte zu Ostern wieder in der Schule an! Ich werde sehr vernünftig sein, auch mit Wichmann will ich mir Mühe geben. Wir werden eben nur Klassenkameraden sein. Du mußt mir sagen, ob es richtig ist, sich abzusondern oder nicht. Ich denke Tag und Nacht darüber nach. Leicht wird es nicht sein, aber bestimmt das Rechte! Mir fällt jetzt so vieles ein, was ich auch falsch gemacht habe. Da war ein Junge, Heinz Lewy. Der wollte so gern mit mir gehen, er wohnte bei uns um die Ecke. (In Mathematik war er immer der Beste.) Ich wollte nicht, weil Wichmann ihn nicht wollte. Gemein, was? Also habe ich Heinz Lewy oft geschnitten, und nie darüber nachgedacht. Merkwürdig, nicht wahr? Nun habe ich ihm eine Karte geschickt, nur einen Gruß, aber auf Deutsch. Ich weiß nicht, ob ich ihn eigentlich leiden kann, das muß man noch sehen. Aber vielleicht freut er sich ein bißchen. Percy sah die Karte und fragte mich, warum ich ihm deutsch geschrieben habe. Ich will keinen glauben machen, daß ich mein Deutsch verlernt hätte. So schnell geht das nicht. Ich denke sogar, das geht überhaupt nicht, was meinst Du, Vati? Melde mich bitte sofort an. Am Ende geht es schon vor Ostern? Dein Robert Bertha Badt-Strauß: Die Versuchung Wem das Geschick einen Freund des klassischen Altertums zum Vater bescherte, der sich zeitlebens der alten Forderung bewußt blieb, „die Schönheit des Japhet in die Zelte des Sem zu verpflanzen", der wird sich des Namens Jacob Bernays noch heute lebhaft erinnern. Vielleicht nicht zuerst wegen seiner philologischen Entdeckungen — der Lucrez-Forschungen etwa und der Aristoteles-Darstellung, um nur Einiges zu nennen —, so dem vor allem wegen seiner höchst merkwürdigen Persönlichkeit, deren Bild sich den Schülern unvergeßlich einprägte: eine feine zartgliedrige Erscheinung, schüchtern nach außen, aber unbeugsam in seinen Überzeugungen. Scheinbar eine jener unbeholfenen, still in sich gehegten Professorennaturen, wie sie in Deutschland nie aussterben werden, hat er doch auf alle, die in seinen Bannkreis kamen, einen fast magnetischen Zauber ausgeübt. Mit Paul Heyse, dem Dichter, verband ihn eine ebenso warme Freundschaft wie mit Theodor Mommsen, dem Historiker; die kluge Fürstin zu Wied, die Mutter der Königin von Rumänien, „hing an seinen Lippen und lernte unablässig von ihm", und der 178