Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Ende des Bürgertums?
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 167 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895531-2904058--07236-2904105- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ende des Bürgertums? Judentums und der Judenheit doch erst in zweiter Linie wichtig ist. Aber gerade als Juden wenden wir uns gegen eine Ersetzung, ethischer Maßstäbe durch ästhetische, wie sie in seinem Gegensatz von Gesinnung und Haltung liegen. Wir verkennen: dabei nicht die Wichtigkeit, die der menschlichen Haltung (und, im engeren Sinne, auch besonders der Distanz) zukommt; man hat ja der strengen Formenreligion des Judentums im Gegenteil den Vorwurf gemacht, über der Haltung die Gesinnung zu unterschätzen. Diese Gebote wollen aber einen Sinn des Lebens vermitteln gegenüber einer bloßen Form des Lebens, und diesen Maßstab wollen wir nicht aufgeben. Im übrigen bestehen zwischen Judenheit und Adel vielleicht sogar stärkere Strukturähnlichkeiten als dieser Aufsatz es annimmt: beide Gruppen sind Minderheiten, denen ein Aufgehen in der umgebenden Masse versagt ist, und dashalb, auch wenn sie es nicht von Natur sind, sozial dazu gedrängt, sich zur Elite auszubilden; beide stellen aus diesem Grund den Anspruch an sich selbst weit vor den an andere und verbinden eine wohl bewahrte Tradition mit der Forderung immer neuer Bewährung. Kaum ein jüdischer Zug wird so verkannt wie der eines tiefen Heroismus, nur daß sich dieser nicht, wie der adlige, auf Schwertdienst, sondern auf die Durchsetzung des Lebens mit Sinn, mit göttlichem Geist richtet und meist erst in extremen Lagen als Leidens fähigkeit zum Ausdruck kommt, obwohl er auch sonst nicht weniger wirksam ist. Und ein grundsätzlicher Unterschied liegt im Ehrbegriff. Für den europäischen Adel ist „Ehre haben" eine Voraussetzung; diese Ehre ist zwar einst erworben worden, bleibt aber vererbbar und besteht als Anspruch auch für Träger, die selbst nicht imstande wären, sie zu erwerben. Auch das Judentum kennt Familienstolz; aber mehr als der Einzelne durch Familienzugehörigkeit geehrt wird, ist es seine Aufgabe, der Familie Ehre zu machen. Es gibt deshalb nur in einem entarteten Judentum die Figur des „Erben", und seiner Auffassung, die keine Privilegien kennt, läge die chinesische Form des Adels näher, dessen Verleihung nicht die Kinder, sondern die Ahnen des Adligen zu höherem Rang erhebt. Das Judentum ist deshalb in gewissem Sinn dem Adel ähnlich, aber es ist nicht Adel im europäischen Sinne, wie es dem europäischen Bürgertum Züge zugebracht hat, die ihm allein eigen sind. Vorerst mag es aber dienlich sein, neben das Gemeinsame reinlich das Trennende fremder Form zu stellen, wenn das Judentum der Erkenntnis seines Wesens und der Verwirklichung in eigenen Formen näher kommen soll. Wenn auch wir unter den Eigenschaften, die als jüdische die Haltung des Tages bestimmen sollen, eine besondere namhaft machen wollten, so wäre sie, mit einem Wort Hölderlins, vielleicht am besten als „heilige Nüchternheit" zu bezeichnen. 167