Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Lüge der Statistik
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 151 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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wohl verändern können. Schon vor 1933 war die Taufe, eine während der Vorkriegszeit außerordentlich schwerwiegende Niedergangserscheinung, fast gänzlich zum Stillstand gekommen. Die Rassengesetzgebung bewirkt einen fast völligen Fortfall der Mischehen. Die in Angriff genommene Berufsumschichtung wird zu einem starken Rückgang derjenigen Berufe führen, in denen — wie in der Akademikerschicht — die Kindererziehung durch die lange Dauer der Berufsausbildung besonders hohe Aufwendungen erforderte. Sie wird hingegen den Berufen zugute kommen, in denen — wie im Handwerk und teilweise auch im kaufmännischen Beruf — die Kinder schon verhältnismäßig früh zum Miterwerb fähig sind. So groß die Vorsicht sein muß, mit der man etwa solche Tatsachen optimistischen Ausblicken zugrunde legen wollte, so stark ist die Sicherheit, mit der sie gegen fatalistische Untergangsstimmungen ins Feld geführt werden dürfen. Und doch sind feststellbare Gegentendenzen das letzte, was uns zur Auflehnung gegen statistische Zwangsprognosen treibt und ermutigt. Entscheidend ist, daß wir gerade in dieser Schicksalsstunde der deutschen Judenheit Kräfte in uns wachsen fühlen, die zu stark sind, um sich vor starren Zahlensystemen zu beugen. Wir lehnen es ab, uns durch Statistik beweisen zu lassen, ob wir leben oder sterben werden. Hätte je in der Geschichte der Juden die kleine Wahrheit der Realitäten Geltung gehabt, wäre nicht immer wieder aus tieferen Quellen die Entscheidung über Untergang oder Erhaltung aufgestanden, so wären wir nicht da, wo wir sind. Freilich, solche Einsicht will es uns nicht leicht, sondern schwer machen. Sie leugnet nicht die Gefahr der inneren Auflösung, sondern sie ruft uns auf, uns ihr mit all der Macht entgegenzuwerfen, die in uns deutschen Juden die Pflicht der gegenwärtigen Stunde erstehen lassen muß. Dem errechneten Scheinbeweis vom Untergang der deutschen Juden haben wir den Willen entgegenzusetzen, den Gegenbeweis zu leben. Wenige Generationen hindurch wurde den einzelnen jüdischen Menschen die Gegenwart zu leicht, und so erwuchs Gefahr für die Zukunft der Gemeinschaft. Heute ist den einzelnen jüdischen Menschen schweres Schicksal auferlegt. Daß gerade aus ihm für die Gemeinschaft neue Sicherheit aufsteigt, ist unser Glaube und unsere Forderung. E. R.-J. 151