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Der Morgen · 1934-07-01 · Heft 4 (Juli 1934) · p. 150

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 4 (Juli 1934)
Article
Lüge der Statistik
Date
1934-07-01
Page
150 (sequence 2)
Language
German
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stehen im Begriff, eine Zustandsschilderung, deren wissenschaftliche Exaktheit zugegeben sei, als ein mit unaufhaltbarer Wucht sich vollziehendes Schicksal zu empfinden. Das ist sie nicht. Aber dazu kann sie werden, wenn sie sich die Gabe der Prophetie anmaßt und damit die deutsche Judenheit in ihrer Lebensader trifft: in ihrem Willen, die Zukunft für sich zu bezwingen. Die Statistik und zumal ihr Anspruch auf zukunfterhellende Bedeutung ist zu jung, als daß man sie durch eine einfache Gegenüberstellung von einstiger Prophetie und späterer Wirklichkeit widerlegen könnte. Wohl aber ist es möglich, mit ihren heutigen Methoden in die Vergangenheit hineinzuleuchten und zu fragen, wie ein mit neuzeitlichen Grundsätzen arbeitender jüdischer Bevölkerungspolitiker etwa des Mittelalters die Zukunft der deutschen Juden hätte voraussehen müssen. 1096 — die blutigen Verfolgungen des ersten Kreuzzuges; 1298 — Vernichtung von 146 Gemeinden unter Rindfleisch auf Grund angeblicher Hostienschändung; 1348/49 — fürchterliche Metzeleien, die von dem Auftreten des Schwarzen Todes und der Anschuldigung der Brunnenvergiftung ihren Ausgang nahmen: das sind nur drei Daten. Dazwischen und danach eine lange Kette von Beschränkung und Unterdrückung. Wie hätte also ein mittelalterlicher Bevölkerungsstatistiker sich die Zukunft der deutschen Juden vorstellen müssen? Hätte sein fleißiges und exaktes und eben doch so kleines Wissen von der Ungeheuerlichkeit der herrschenden Gefahren ihn nicht dazu verführen müssen, aus richtigen Zahlen falsche Zukunft zu künden? Oder hätte er etwa errechnen können, daß im Jahre 1910 eine blühende jüdische Gemeinschaft von 615 000 Seelen in Deutschland beheimatet sein würde? Man wende nicht ein, daß von außen kommende Ereignisse noch so hartnäckig sich wiederholender Art keinerlei Schlüsse auf eine ablaufende Gesetzmäßigkeit zulassen, während die im Innern wirkenden Tatsachen der Mischehe und des Geburtenrückganges, die heute die jüdische Gemeinschaft bedrohen, Vorgänge seien, die „mit Naturnotwendigkeit" zur Auflösung führen müßten. Auch Mischehe, Geburtenrückgang, Vergroßstädterung und Überalterung sind keine letztlich auslösenden, unwandelbaren Faktoren, sondern ihnen liegen noch tiefere Ursachenreihen zugrunde, die sich sehr 150

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