Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Robert Friedlaender-Prechtl
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 141 (sequence 2)
- Language
- German
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früh schon nach Formung und Ausdruck verlangt. Doch dann kam das Muß, kam die praktische Arbeit. Den Dreißigjährigen holt sich sein Vetter, der Großindustrielle Fritz von Friedlaender-Fuld, in seine Berliner Zentralverwaltung. Hier lernt er bewußt, was als Intuition freilich in ihm selbst vorhanden war, das Wesen des schöpferischen Wirtschaftens in großen Verhältnissen, lernt angewandte Ökonomie und organischen Wirtschaftsaufbau, lernt bald vor allem einsehen, daß auch in diesen Jahren höchster Blüte der Privatwirtschaft der einzelne Kapitalist und Wirtschaftsführer nur Verwalter und Treuhänder eines bestimmten Teils des Volksvermögens sein darf. Für diese Erkenntnis hat Robert Friedlaender in seinem Nachruf auf den 1917 verstorbenen Fritz von Friedlaender-FuM heute noch und gerade heute gültige Formulierungen gefunden. Aber die Stimmen und Gesichte in ihm hatten wohl nie geschwiegen. Die Begegnung mit Krankheit und Leiden, das Finden der Lebensgefährtin haben in seiner „Alkestis", die er 1917 erscheinen läßt, starken dichterischen Ausdruck gefunden. Sie wurde auch auf den Bühnen, der des Berliner Staatstheaters voran, ein großer Erfolg. Inzwischen war die Katastrophe des Kriegsausganges über Deutschland hereingebrochen. Das Chaos schien unvermeidlich, Arbeiten, Wirtschaften, Aufbauen unmöglich. Der oberschlesische Bergrat Jokisch wählt den Freitod, um in einem hinterlassenen Brief von erschütternder Schlichtheit seinen Arbeitern ein „So geht es nicht" einzuprägen. Aber seine Tat versinkt unbeachtet. Robert Friedlaender-Prechtl vernimmt den Ruf, nimmt ihn auf. Mit dem Flugblatt „Jokischs Testament" beginnt er die Zeitschrift „Der Spiegel", die zur Tribüne für Afie wird, denen Deutschland, deutsches Wesen, deutsches Werden nicht Begriffe, sondern Liebe sind. Eine heiße Liebe stets, eine zornmütige oft. Robert Friedlaender-Prechtl kämpft gegen „das Verbrechen des Streiks", gegen „wissenschaftliche Demagogie", für „deutsche Arbeits-Demokratie", für die Erneuerung des Theaters, gegen größenwahnsinnige Unternehmer. Die Besten aus allen Lagern, die parteilich Ungebundenen, sammelt er um sich; nur ein paar Namen aus der langen Reihe der Mitarbeiter seien herausgegriffen: Hans Delbrück, Moritz Goldstein, Heinrich von Gleichen, Rudolf Huch, Prinz Max von Baden, Moeller van den Bruck, Franz Oppenheimer, Walther Rathenau, Johannes Schlaf, Wilhelm von Scholz, Werner Sombart. In den unfreiwilligen Mußestunden der Generalstreik-Tage greift R. F.-P. zum Aristophanes. Die „Ekklesiazusen" geben ihm die Anregung zu der Komödie „Der Weiberstaat", wohl der schärfsten und derbsten Satire, die in Jahrzehnten auf politische Gschaftelbuberei und Geschäftemacherei geschrieben worden ist. Und gleichzeitig, in den tollsten Inflationsjahren, leitet er die industrielle Einführung des Kohle- und Öl-Hydrierungsverfahrens von Friedrich Bergius, betreut die deutsche Zellstoff- und Textilfaser-Industrie, immer vom Gesichtspunkt höchster nationaler Wirtschaftlichkeit und Ersparnis irgend vermeidbarer Importe geleitet. Dabei erlischt ihm die Leuchte der Kunst nicht. 1920 erscheint ein Band Essays, 1921 eine eigene Übersetzung 141