Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Der Garten des Sergeanten Dardar
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 135 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895530-2903963--07182-2904030- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Garten des Sergeanten Dardar Verdammt, durchfuhr es mich, der Esel schießt mir die Herde zusammen. Was tun? Einfach den Berg hinaufzulaufen, um die Stricke abzuschneiden, war ausgeschlossen, denn der Esel konnte jeden Augenblick wieder zu „schießen" beginnen, und die Pistolen waren ja nach verschiedenen Richtungen eingestellt. Andererseits konnte man den Beduinen die Sache nicht mit drei Worten begreiflich machen. So sagte ich ihnen, sie sollten versuchen, mit Steinwürfen die Herde nach rechts zu jagen, während ich trotz meiner sinnlosen Müdigkeit nochmals um den Berg herumlief. Noch einmal hörte ich ein paar Schüsse, auf die meine Beduinen, die vor einem vollendeten Rätsel standen, auf gut Glück aus ihren Gewehren antworteten; dann tiefe Stille. Endlich kam ich völlig ausgepumpt bei dem Esel an. Das Tier lag auf dem Boden, hoffnungslos in die Schnüre verwickelt, die nicht, wie ich erwartet hatte, unten, sondern oben auf dem Berg gerissen waren. Bei meinem Näherkommen versuchte es sich aufzurichten, machte ein paar groteske Sprünge, und oben — Gott sei Dank riß in diesem Moment der letzte Strick — oben gingen noch zwei Schüsse los, die einem Schaf das Leben kosteten. Die Beduinen, die indessen den Berg gestürmt hatten und nichts weiter als vier Pistolen, eingeklemmt zwischen Steinen, und mich mit einem wie zum Abholen bereiten verschnürten Paket Esel vorfanden, waren sich augenblicklich einig, daß ich mit den Geistern dieser Landschaft in sehr intimen Beziehungen stehen müsse. Diese Ansicht, die sich schnell von Jenin bis Beth-schan verbreitete, kommt mir jetzt in meinem Polizeiberuf natürlich sehr zustatten." Vor uns tauchten die Häuser von Beth-alfa hinter Regenschleiern auf. Halb erfroren betraten wir die Eßbaracke der Kwuzah. In einer Ecke saßen ein paar Beduinen im Gespräch mit einigen Leuten der Kwuzah. Als die Araber den Polizeireiter sahen, erhoben sie sich sofort, beugten sich tief und grüßten: „Glück und Segen, o Eselgeist!" Ich konnte mein Lachen nicht verhalten, aber der Polizist warf mir einen Blick zu, und ich wandte mich ab. „Höre, o Herr", sagte er, „es gibt nicht allzu viel in der Welt, über das man lachen könnte". Als ich ein wenig beschämt in sein Gesicht blickte, war es ein anderes als vorher. Es schien mir, ich weiß nicht recht, wie ich sagen soll, wie das eines Menschen, dem das Schicksal einen Augenblick für alle Ewigkeit sein grauenhaftes Antlitz gezeigt hat. Dieser Polizeireiter war, wie mir dann meine Freunde sagten, Nissan Dardar gewesen, der ehemalige Wächter von Tel-nahasch, den die Araber En nimr, den Scheich der Juden nannten. (Schluß folgt) 135