Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Diaspora als Aufgabe
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Diaspora als Aufgabe Verständlichkeit und ihre allgemeine Relativierung bedeutet, überhaupt erst wieder ins Bewußtsein weiter Schichten trat. Die tiefe Fragwürdigkeit, in die das Schicksal der Zerstreuung nach jahrhundertelanger Legitimität mit dem Jahre 1933 aufs neue geraten ist, zeigt eine echte Revolutionierung des jüdischen Geistes an. Sehnsucht nach Erlösung, Sehnsucht nach Sicherung vor weiteren Abstürzen breitet sich aus. Wie in den zweieinhalb Jahrtausenden der jüdischen Geschichte blickt sie nach Palästina. Und doch ist diese Hoffnung anders als je die Hoffnung einer früheren Generation. Es ist eine Hoffnung, deren Kraft nicht aus der Verheißung strömt, sondern aus der Verzweiflung; es ist eine zu schnelle, eine zu weltlich-bürgerliche Hoffnung. Zu unmittelbar wird hier die Brücke von der Enttäuschung zur neuen Versprechung geschlagen. Zu gedankenlos wird etwas geopfert, was trotz und wegen seines scheinbaren Versagens, trotz und wegen der Abwendung der Vielen von ihm im Judentum unentbehrlicher ist denn je. Wir sind Zeugen einer jüdischen Sammlung und Rückkehr, wie sie trotz mancher äußeren Ähnlichkeit die jüdische Geschichte noch nicht gesehen hat. Gefahr ist, daß sie im Zeichen einer Zeit geschieht, deren äußerer Ablauf — gewaltsame Herauslösung der Juden aus den Ländern ihrer Heimat —, und deren innerer Sinn — Herrschaft des nationalen Gedankens — ihr allzu günstig sind. Wir haben allen Anlaß, uns, die wir soeben aus der Vergottung einer Zeit mühsam wieder zu unserem eigenen Gotte zurückfinden, davor zu hüten, daß wir nochmals dem Geist einer Epoche vorbehaltlos anheimfallen, daß wir ihm unser Eigenstes, unser Ewiges opfern. Daß es der räumlichen Begrenzung Palästinas zufolge immer weiter jüdisches Leben in der Welt wird geben müssen, genügt nicht zur sinnbezogenen Einsetzung der Diaspora in den jüdisdien Geschichtsablauf, die ihr um ihrer Gegenwirkung gegen den Zeitgeist willen zukommt. Darum ist es notwendig, daß in Aufsätzen wie den folgenden, in denen jeder Verfasser von dem ihm wichtigsten Blickpunkt her seine persönliche Auffassung über Sinn und Wert jüdischer Zerstreuung darlegt, versucht wird, das Geschehen, das sich in der Ebene realer Notwendigkeit vollzieht, in jüdischem Schicksalswillen und jüdischer Gläubigkeit zu verankern. Die Diaspora und zumal die deutsche ist in Gefahr. Nicht nur im Sinne tatsächlicher materieller Bedrohtheit, sondern im Sinne einer Entwertung ihrer jüdischen Aufgabe. Wir deutschen Juden haben viel schwere Lasten zu tragen. Was uns aber vor allem not tut, ist, daß wir wieder glauben dürfen, auch hier und gerade hier auf einem jüdischen Weg zu sein. E.R.-J. 98