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Der Morgen · 1934-06-01 · Heft 3 (Juni 1934) · p. 97

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 3 (Juni 1934)
Article
Diaspora als Aufgabe
Date
1934-06-01
Page
97 (sequence 1)
Language
German
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DER MORGEN / MONATSSCHRIFT DER DEUTSCHEN JUDEN BEGRÜNDET VOM PROFESSOR DR. JULIUS GOLDSTEIN, DARMSTADT 10. JAHRGANG JUNI 1934 HEFT 3 Diaspora als Aufgabe Soweit es bei einer zerstreuten, meist nur noch lose zusammenhängenden Menschengruppe, wie sie die Juden der Welt darstellen, erlaubt ist, von einem gemeinschaftlichen Erlebnis zu sprechen, darf gesagt werden, daß die nationale Revolution des Jahres 1933 einen geistigen Umbruch in der gesamten Judenheit zur Folge hatte. In der aufrüttelnden Wirkung der Tatsache, daß die Judenemanzipation in Deutschland, dem Lande ihrer höchsten schöpferischen Fruchtbarkeit, aufgehoben werden konnte, wurde die geistige Führerstellung, die der deutsch-jüdische Kulturkreis innerhalb der Weltjudenheit bisher innegehabt hatte, unzweideutig bestätigt. Zwar beharren die jüdischen Massen in den Ländern der Gleichberechtigung weiter in der Ruhe ihres unangetasteten Lebenskreises; aber ihre Führer sind hellhörig geworden, sie sind aufgestört aus der scheinbaren Selbstverständlichkeit ihres Daseins. Die Überprüfung der jüdischen Lebensgrundlagen, die durch solche geistige Erschütterung ausgelöst wird, muß mit naturnotwendigem Zwange zu einer tiefen Verdächtigung der Diaspora-Existenz führen. Deutschland — das war, im Bewußtsein der Welt, geglückte Eingliederung, das war Hingabe ohne Selbstaufgabe, das war schaffende Kraft aus unergründlich wesenhafter, verstehender Liebe. Wenn deutsches Judentum von den Mächten der Geschichte verworfen werden konnte, so fühlt sich in ihm die Diaspora als jüdische Möglichkeit selbst getroffen und abgeurteilt. Das erste Zeichen der Krise ist, daß die Tatsache Diaspora, die eine Erschütterung gesicherter Selbst- 97

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