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Der Morgen · 1934-05-01 · Heft 2 (Mai 1934) · p. 93

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 2 (Mai 1934)
Article
Nachdenkliche Randbemerkung
Date
1934-05-01
Page
93 (sequence 1)
Language
German
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Nachdenkliche Randbemerkung Bringt der Geldbriefträger Geld, bekommt er ein Trinkgeld. Bringt er eine Nachnahme, bekommt er böse Worte. Solange die Emanzipation Trumpf war, ließ man Moses Mendelssohn einen guten Mann sein. Und jetzt ist er plötzlich der Bösewicht, der alles angerichtet haben soll. Wo es doch im Ghetto so schön war! Da man nun den Wert seiner Arbeit für die Juden in Zweifel zu ziehen versucht, ist man vielleicht geneigter, seine Arbeit für die Deutschen zu schätzen. Es gibt da einen Punkt, den man hundertfünfzig Jahre lang mit durchschlagendem Erfolg zu übersehen bemüht war. Mendelssohn war nämlich einer der ersten und wichtigsten deutschen Shakespeare-Interpreten. In seinen ästhetischen Aufsätzen stellt er Shakespeare neben die Klassiker des Altertums. Immer wieder erklärt er ihn. „Shakespear ist der einzige dramatische Dichter, der es wagen kann . . heißt es in einer Kritik an Wieland, und öfter: „Ich ging also zum Shakespear, um mich Rats zu erholen . . Man mag sagen, daß zu gleicher Zeit auch andere Shakespeare kannten -und den Deutschen rühmten, und man braucht nur Lessing und Nicolai zu zitieren. Aber Mendelssohn war der erste, der Shakespeare in Jamben übersetzte. Schon 1757 hatte er den Hamlet-Monolog übertragen, und man wird gleich sehen, wie gut. Überdies waren die Lessing und Nicolai mit Mendelssohn die Einzigen, die für Shakespeare kämpften. Wie sehr es ein Kampf war, wie sehr Shakespeare dem Racine-Stil, der damals, unter Friedrich dem Großen, allein „möglich" war, ins Gesicht schlug, sieht man an der Sensation, die noch 15 Jahre später der „Goetz" machte, der nach den wenigen Shakespeare- Verdeutschungen der erste deutsche Shakespeare war. Was die Verdeutschungen betrifft, so weiß man ja von Gundolf, wes Geistes Kinder die einzigen waren, die es vorher gegeben hatte, Verballhornungen und Umänderungen in komödiantische Possenspiele, die mit Shakespeare nur noch Figuren gemein hatten. So kam es, daß vor Lessing die Gebildeten den „pröhligen Schacksper" verabscheuten und nicht kannten. Lessing entdeckte ihn tatsächlich, wie Columbus Amerika entdeckt hat, und Mendelssohn war der erste von Columbus' Kapitänen. Die anderen Vorkämpfer seiner Zeit mißkannten Shakespeare, obwohl sie ihn priesen. Es ist bezeichnend, daß damals nur ein Drama von Shakespeare vollständig ins Deutsche übertragen war, nämlich Julius Caesar, und die Übertragung war in Alexandrinern. Es gab noch kein deutsches Stück in Blankversen. Selbst Lessings erste Versuche, den Jambus ins Drama einzuführen, kamen später. Mendelssohn eroberte also mit seinen Jamben- Übertragungen eine Versform für das deutsche Drama, das sie bis zu Gerhart Hauptmann benutzte. Mendelssohn Hamlet-Monolog von 1757 lautet (nach einer Überarbeitung für die zweite Ausgabe von 1761, in modernisierter Rechtschreibung) folgendermaßen: 93

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