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Der Morgen · 1934-05-01 · Heft 2 (Mai 1934) · p. 87

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 2 (Mai 1934)
Article
Jüdische Haltung [Rezension]
Date
1934-05-01
Page
87 (sequence 2)
Language
German
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ger köstlichen Gutes leben wollten. Sie nahmen Bündel und Stab und wanderten, wanderten von Stadt zu Dorf von einsamer Siedlung zu dichtgedrängtem Ghetto und suchten die jüdischen Menschen auf, die nach ihrer Lehre hungerten. Sie waren nicht immer Hochgelehrte, sie hatten nicht einmal immer die Zeit zum „Lernen". Schlichte, gerade Menschen, von Gottesliebe und frommem Willen erfüllt, gingen da zu anderen, saßen mit ihnen am Sabbattisch und vergalten die Gastfreundschaft der Armen wie der Reichen mit dem gleichen Lohn: sie erzählten. Sie wußten weise Sprüche der großen Lehrer, sie wußten stille kleine Geschichten von großer Not und göttlicher Hilfe, von Sünde und Umkehr, von Nächstenliebe und rechtem Weg. Sie sangen Psalmen und sprachen Gebete mit ihren Brüdern, sie wußten für die Hausfrau ein gutes Wörtchen, und für die Kinder brachten sie die Lehre und die Gebote unseres Volkes in farbiger, lebendiger Märchenform, daß die Kleinen lernten, ohne es zu merken. Sie kamen aus den kräftigen Gemeinden und brachten den Schwachen von ihrer Kraft Der „Darschan" war der helle murmelnde Bach, der auch die Fernsten nicht irre daran werden ließ, ob die geliebte, heilige Quelle des Judentums noch frisch und unverändert sprudele. Tut uns heute nicht wieder der „Darschan" not? Fragt die Menschen in den kleinen Orten und Städten. Die wissen die Antwort darauf. . . In jeder großen jüdischen Gemeinde gibt es viele junge Menschen. Lehrer, rednerisch Begabte, Männer und Frauen, jüdische Menschen mit einem hellen Willen zu unserem Weg und unserem Schicksal, mit einer heißen Liebe zu allem wurzelhaft Jüdischen, die bereit wären, auf den Ruf zu antworten, wenn er an sie ergeht . Die Lösung der Aufgabe liegt auf der Hand. Der „Darschan" sitzt mit seinen Gastgebern am Tisch; er läßt sich fragen und gibt Antwort; an ihm liegt es, die Antwort so zu gestalten, daß sie nicht nur für die gegenwärtige Not gilt, von der der Fragende immer ausgehen wird, sondern daß er seine Zuhörer in die lebendige Verbindung mit dem geschichtlichen jüdischen Schicksal, seinem Sinn und seiner Weisung bringt, wie der „Darschan" von einst Er wird die Augen der Kinder, vor allem der Kinder auf sich gerichtet sehen, er wird den Kindern den Weg leichter machen können, wenn er ihnen, die das Abgesondertsein in der Schule erleiden, jüdisches Selbstbewußtsein weckt. Das kann er leicht: er muß nur Kenntnis und Verständnis für jüdische Geschichte, jüdische Feste, jüdische Sittlichkeit, für die großen sozialen Lehren der Thora bringen, er braucht kein Gelehrter, kein Weiser und kein Großer in Israel zu sein — aber ein „Darschan" muß er sein können, ein Erzähler und Wecker, einer der die Herzen heiß zu machen versteht. Er muß ein kräftiger Mensch sein und ein Jude mit einem liebevollen Dazugehören." Soeben erschien: Rabbiner Dr. Max Wiener, Religion in dieser Zeit (Nr. 1 der Sonderhefte der C.V.-Zeltung) brosch. 1.— RM. Philo-Verlag u. Buchhandlung GmbH Berlin W15, Pariser Str. 44 87

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