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Der Morgen · 1934-05-01 · Heft 2 (Mai 1934) · p. 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 2 (Mai 1934)
Article
Jüdische Haltung [Rezension]
Date
1934-05-01
Page
86 (sequence 1)
Language
German
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Presseschau: Jüdische Haitang In einem „Am Rande" üb ersehn ebenen Aufsatz spricht sich Margarete Susman (in den „Blättern des jüdischen Frauenbundes") über das Spannungsverhältnis zwischen Verzweiflung und Leben aus. Sie sagt u. a.: „In einem Augenblick ungeheurer geschichtlicher Wandlungen und schwerster menschlicher Erschütterungen stellt sich mit Notwendigkeit für jeden von diesem Geschehen getroffenen Menschen die Frage nach dem Wert und Sinn des Einzellebens überhaupt. . Es gibt im Grunde gar keine Entscheidung zwischen Verzweiflung und Leben. Verzweiflung ist selbst schon Zerstörung des Lebens. Verzweiflung ist sittlich gesehen nicht Schuld. Aber sie ist Schuld in einem anderen: im religiösen Sinne. „Die Schechina wohnt nicht in der Schwermut", das ist eine tief religiöse Wahrheit. Schwermut, Verzweiflung sind die schwarze Wand, die die Seele von der Göttlichkeit des Lebens abscheidet. Sie bedeuten eine Erblindung der Seele für den unsterblichen Offenbarungscharakter des Lebens. Anders gesagt: sie bedeuten selbst bereits ein Herausstürzen des Einzellebens aus dem Leben überhaupt, eine Unfähigkeit, das eigene Leben noch in seiner Wahrheit zu erfassen: daß es nämlich ein einzelnes gar nicht ist, daß es ein Dasein ist, dessen Beginn schon rein biologisch und darüber hinaus auch seelisch und geistig nur aus der Vermischung zweier anderer Leben möglich wird, das sich dann in seinem Ablauf und in seiner Verantwortung tausendfältig in anderes Leben verstrickt und selbst in seiner Vernichtung weder körperlich noch geistig wahrhaft aus ihm ausscheidet. Gibt es überhaupt so etwas wie unser eigenes einzelnes, uns zur freien Verfügung gegebenes Leben? UnserLeben — das sind wir und das ist das andere; das ist das,dessen Grenzen wir niemals erkennen können, das ist die Verflechtung unserer selbst in alles das, was um uns ist und was über uns hinausgeht — das Geheimnis, das zu zerreißen jede menschliche Hand zittert, weil niemand seine Auflösung kennt . . Alle menschlichen Maße sind hier Vermessenheit. Von der letzten Weisheit heißt es im Buch Hiob, daß nur Verdammnis und Tod ihr Gerücht gehört haben. Wie viele Menschen wohl haben dies Gerücht vernommen? — Und nur sie sind die in Wahrheit Wissenden. . . Aus diesem Kampf Auge in Auge, Brust an Brust stammt alle letzte menschliche Erfahrung vom Göttlichen. Der Jakobskampf ist die Urerfahrung menschlichen Daseins. Auch wo der Sieg ausbleibt, gebührt dem Kampfe letzte Ehrfurcht: aber der Segen der sich als Gott entschleiernden Gewalt ruht nur auf dem, der überwindet." * Einen in seiner Eigenart schönen und überaus beherzigenswerten Vorschlag zur Stärkung des jüdischen Lebensgefühls der auf dem Dorfe isoliert lebenden Juden macht Martha Wertheim er in der Bayrischen Israelitischen Gemeindezeitung: „.. Als unsere Väter in die Verbannung gegangen waren, als die Zerstreuung ihr Wissen um das Schrifttum, um Gesetz und Lehre gefährdete, standen fromme Männer auf, die als Pfle- 86

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