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Der Morgen · 1934-05-01 · Heft 2 (Mai 1934) · p. 71

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 2 (Mai 1934)
Article
Das verlorene Gesetz
Date
1934-05-01
Page
71 (sequence 1)
Language
German
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Hans Joachim Schoeps: Das verlorene Gesetz Zur religiösen Existenz Franz Kafkas*) In ungeordneten Nachlaßpapieren des Dichters fanden sich Aufzeichnungen über einen seltsamen, fast mystisch anmutenden Selbstdialog über das verlorene Gesetz, der hier erstmalig veröffentlicht wird. Er lautet: Ich wollte Einigkeit begrüßen und bin, wenn ich sie finde, traurig. Ich sollte durch Einigkeit mich vollkommener fühlen und fühle mich herabgedrückt. Du sagst: Jdi sollte fühlen"; damit drückst Du ein Gebot aus, das in Dir ist. So meine ich es. Nun ist es aber nicht möglich, daß nur ein Gebot in Dich gelegt ist in der Weise, daß Du dieses Gebot nur hörst und sonst nichts geschieht. Ist es ein fortwährendes oder nur ein zeitweiliges Gebot? Das kann ich nicht entscheiden, doch glaube ich, daß es ein fortwährendes Gebot ist, ich aber nur zeitweilig es höre. Woraus schließt Du das? Daraus, daß ich es gewissermaßen höre, auch wenn ich es nicht höre, in der Weise, daß es nicht selbst hörbar wird; aber die Gegenstimme dämpft oder allmählich verbittert die Gegenstimme, welche mir die Einigkeit verleidet. Und hörst Du ähnlich auch die Gegenstimme dann, wenn das Gebot zur Einigkeit spricht? Wohl auch; manchmal glaube ich, ich höre garnichts anderes als die Gegenstimme, alles andere sei nur Traum und ich ließe die Träume in den Tag hineinreden. Warum vergleichst Du das innere Gebot mit einem Traum? Scheint es wie dieser sinnlos, ohne Zusammenhang, unvermeidlich einmalig, grundlos beglückend, nicht zur Gänze mitteilbar und zur Mitteilung bringend? Alles das sinnlos (denn nur wenn ich ihm nicht folge, kann ich hier bestehen), ohne Zusammenhang; ich weiß nicht, was es gebietet und worauf es abzielt, unvermeidlich, es trifft midi unvorbereitet und mit der gleichen Überraschung wie das Träumen den Schlafenden, der doch, da er sich schlafen legte, auf Träume gefaßt sein mußte. Es ist einmalig oder scheint wenigstens so.. Ich kann es nicht befolgen, es vermischt sich nicht mit dem Wirklichem und behält dennoch seine unberührte Einmaligkeit. Es beglückt und ängstigt grundlos (allerdings viel seltener das erste als das zweite); es ist nicht mitteilbar, weil es nicht faßbar ist, und es drängt zur Mitteilung aus demselben Grunde. Dieser merkwürdige Dialog scheint uns das innerste Geheimnis des dichterischen Lebenswerkes Franz Kafkas zu enthüllen. Man versteht ihn aber nur dann richtig, wenn man zuvor den Angelpunkt von Kafkas Lebensgefühl erfaßt hat: Das Vergessen. Wenn wir recht sehen, schließt sich das ganze *) Aus einer größeren, noch unveröffentlichten Arbeit „Franz Kafka, der Dichter der tragischen Position im Judentum" stellt uns der Verfasser dieses Kapitel zur Verfügung. 71

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