Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1934)
- Article
- Der Garten des Sergeanten Dardar
- Date
- 1934-05-01
- Page
- 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895529-2903867--07088-2903921- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Garten des Sergeanten Dardar Straße dieser traurigen Siedlung nennt. Der Mann, den ich sprechen wollte, war nicht gekommen, an eine Rückfahrt war für diesen Tag nicht zu denken, so daß ich damit rechnen mußte, in diesem gottverlassenen Nest zu übernachten. Während ich vergeblich über einen Ausweg nachdachte, sah ich, wie draußen ein Mann sich mühte, seinen Esel aus dem Kotsee herauszubekommen, indem er ihm einen Nagel in den Nacken stach. Eben als ich mich von diesem schnell langweilig werdenden Spiel abwenden wollte, kam ein Polizeireiter um die Ecke gebogen, der ohne weiteres dem Mann einen Stoß gab, welcher ihn der Länge nach in den Dreck warf, und ihm mit dem landesüblichen „möge dein Vater verbrannt werden!" den Nagel wegnahm. Triefend und sporenklirrend kam er in meine Baracke und verlangte ein Glas Tee. Es war ein überaus langer Kerl, und als er den vom Regen dampfenden Rock ablegte, sah ich Muskeln, wie ich sie nur von Bildern erstklassiger Preisboxer amerikanischer Erzeugung her kannte. Seiner Aussprache des Hebräischen nach schien er irgendeinem jüdischen Stamm Asiens anzugehören. Ich kam mit ihm ins Gespräch, und er erzählte mir, daß er trotz des Wetters über die Berge nach Beth-alfa reiten müsse. Sofort beschloß ich, mich ihm anzuschließen, da ich in der Kwuzah Beth-alfa Freunde hatte. Er besorgte mir ein Pferd und wir ritten los. Es war kein sehr unterhaltsamer Bursche, dieser Polizeireiter, dessen Name ich nicht kannte; bis Ser-ain sprach er überhaupt kein Wort, nachher sagte er ein paar Mal „Verflucht!" oder ähnliche Adjektive, ohne die entsprechenden Substantive dazuzusetzen. Nachdem er dann aber eine halbe Stunde lang auch diesen Rest von Sprachgebrauch eingestellt hatte, sagte er plötzlich, mehr zu sich als zu mir: „Dieses Aas! Ich hätte ihm die Zähne einschlagen sollen. . . Mit einem Nagel gegen einen Esel! Sein Haus werde verbrannt!" Ich blickte auf. Dieser plötzliche Redefluß und besonders sein Inhalt setzten mich in Verwunderung. Ist es doch nicht Sitte, sich um das Wohlbefinden eines Esels zu kümmern oder ihm gar hinterher Gedanken zu widmen. Meine Verwunderung stieg jedoch noch, als er, auf die nervösen Ohren seines Pferdes starrend, im Ton einer Entschuldigung fortsetzte: „Ein Esel nämlich hat mir einmal das Leben gerettet." Ich schob mich interessiert näher, denn ich hatte die Empfindung, daß der Mann bereit war, zu erzählen, und die Erzählungen, die man dann und wann im Galil und im Emek hört, sind zumeist nichts weniger als alltäglich. Und richtig: der Polizist begann, als der Regen ein wenig nachließ und es ihm geglückt war, eine von seinen feuchten Zigaretten anzuzünden, zu erzählen. (Fortsetzung folgt) 70