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Der Morgen · 1934-04-01 · Heft 1 (April 1934) · p. 46

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 1 (April 1934)
Article
Mythische Geschichte [Rezension]
Date
1934-04-01
Page
46 (sequence 1)
Language
German
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Mythische Geschichte Thomas Mann, Der junge Joseph S. Fischer Verlag, Berlin 1934 Von dem dunkelschweren Gründe des ersten Bandes der Josephsgeschichte — oder vielmehr der „Geschichten Jaakobs" — hebt sich dieser zweite ab als ein runderes, geschlosseneres, als ein menschlicheres Werk. Er reicht, dem natürlichen Einschnitt des Urbildes folgend, bis zum Verkauf in die Fremde, nachdem die Brüder den Mißhandelten in die Grube geworfen, und dürfte mit Recht den Gesamttitel des Werkes „Joseph und seine Brüder" besonders für sich in Anspruch nehmen. Wieder wird der biblische Roman treu nacherzählt, aber wieder durchdringt die Deutung des Dichters seinen Stoff und formt etwas ganz Persönliches daraus. Denn Joseph wird aufgefaßt als „Verkörperung von Schönheit und Geist", in die zehn Brüder — typisch gesehen bei voller Individualität jeder einzelnen Figur — spaltet sich die niedere, gewöhnliche Menschennatur, und so dürfte man der Geschichte, die den einen gegen die zehn stellt, auch den Titel „Geist und WirkKchkdt" zuerkennen. Aber das Wort „Geist" ist vieldeutig; und Thomas Mann hat eine bestimmte Art von Geist im Auge: den mythischen. So ist z.B. der Diener und Brautwerber Eliezer, Josephs Lehrer, ein lebendiger Mensch, aber er ist gleichzeitig „eine Einrichtung" (ähnlich wie etwa die Flugzeugbeobachter des Weltkriegs einfach „Franz" genannt wurden), und in ihm selbst gehen eigenes und mythisches Bewußtsem derart ineinander über, daß er in der Ichform die Erlebnisse eines Eliezer berichtet, der Jahrhunderte vor ihm „der Eliezer" war. Joseph selbst spielt nicht nur in seinen Träumen (die halb Träume eines Sehers, halb die eines hübschen eiteln Jungen sind), sondern auch seinen Brüdern gegenüber und gar in der Grube versenkt mit dem Gedanken, sich selbst als eine Verkörperung der (ebenfalls begrabenen und wieder auferstehenden) Gottheit zu empfinden. Und Thomas Mann ist bemüht, die ganze Fabel als ebenso real geschehend wie als Spiegelung uralter Göttermythen darzustellen: „DieGeschichten kommen herab, so, wie ein Gott Mensch wird, verbürgerlichen gleichsam und werden irdisch, ohne daß sie darum aufhörten, auch droben zu spielen und in ihrer oberen Form erzählbar zu sein." So erscheint Josephs Schicksal halb selbstgewollt, und so wird auch ein göttlicher Bote mitten in der realistisch erzählten, psychologisch gedeuteten Geschichte ohne Stilbruch möglich: Himmel und Erde stoßen nah aneinander und berühren sich im menschlichen Schicksal. Es kann nicht ausbleiben, daß auch Gott selbst auf die Erde herabgezogen wird. Das feinste Verständnis für die Kühnheit, mit der Abraham sein GotteshM verkündete» 46

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