Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Juden in Holland
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 44 (sequence 2)
- Language
- German
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und erfreuten sich allgemeiner Achtung und Wertschätzung. Seit den Ausweisungen der Juden aus Worms und Fulda und in größerem Umfange nach dem dreißigjährigen Kriege gibt es Juden aus Deutschland in den Niederlanden in größerer Zahl. Bereits im Jahre 1671 errichteten sie ihre Synagoge. Die deutschen Juden waren keine reichen Leute wie die Portugiesen, sondern setzten sich im wesentlichen aus Angehörigen des Mittelstandes zusammen. Nach dem Chmelnickiaufstand und den Kriegsverwüstungen in Polen und Litauen um die Mitte des 17. Jahrhunderts kam eine große Zahl von Juden aus diesen Landern nach Holland. Sie waren in Polen und Litauen kleine Landwirte und Handwerker gewesen. Jetzt waren sie völlig verarmt und bildeten ein jüdisches Proletariat, das vor allem üi Amsterdam noch heute besteht. Seit der Emanzipation vollzog sich auch in Holland eine rasche Assimilation, die aber nicht hinderte, daß bis heute die holländischen Juden sich ein im Vergleich zu den Juden anderer westeuropäischer Länder besonders starkes jüdisches Bewußtsein erhalten haben. Dazu mag hauptsächlich die von jeher starke Religiosität der Holländer beigetragen haben. Andererseits haben die Fürsten aus dem Hause Oranje-Nassau stets eine betonte Toleranz gezeigt. So hat die königliche Familie wiederholt jüdische Synagogen besucht. Sie hat auch Juden zu den verschiedenartigsten Funktionen herangezogen; ein Jude hat z. B. die regierende Königin im Staatsrecht unterrichtet. Es gibt in Holland nach der letzten Volkszählung von 1930 111917 Juden, d.h. 1,41 o/0 der Gesamtbevölkerung. Die wichtigsten jüdischen Ansiedlungen bestehen in Amsterdam (65 523 8,65 <y0), Rotterdam (10357 l,76o/o) und Dem Haag (10224 2,34o/0). Die Juden sind zum größten Teil im Handel und Bankwesen, ferner in der Industrie (als Diamant- und Textilarbeiter und als Unternehmer), und zu einem erheblichen Teil auch in den freien Berufen tätig. Da eine amtliche Statistik hierüber nicht vorhanden ist, lassen sich nähere Angaben nicht machen. Die Beamtenschaft zählt eine, wenn auch nicht beträchtliche Zahl von Juden zu ihren Mitgliedern. Auch im Raad van State, einem der Königin beratend zur Seite stehenden kleinen Gremium, sind immer ein oder zwei jüdische Staatsräte gewesen. Das in der Verfassung festgelegte Toleranzprinzip wirkt sich so weitgehend aus, daß auch die Juden in der Armee am Sabbath und an den Jüdischen Feiertagen vom Dienst befreit sind. Sie bekommen sogar Kostgeld für koschere Verpflegung außerhalb der Kaserne. In den Schulen gelten die gleichen Grundsätze. In Amsterdam und im Haag gibt es Volksschulen mit einer überwiegenden Zahl jüdischer Schüler, die am Sabbath geschlossen sind. Diese starke liberale Toleranz im niederländischen Volke hat Holland auch jetzt wieder zum Ziel zahlreicher deutscher Juden gemacht, die wegen der rassenpolitischen Neuordnung Deutschland verlassen haben, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Nach einer Mitteilung 44