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Der Morgen · 1934-04-01 · Heft 1 (April 1934) · p. 38

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 1 (April 1934)
Article
Sprache und Kultur [Rezension]
Date
1934-04-01
Page
38 (sequence 1)
Language
German
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Presseschau: Sprache und Kultur Ober „Die Entwicklung und Eigenart der hebräischen Sprache" veröffentlicht Prof. Dr. Gotthokl Weil im Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt (Februar 1934) eine Studie, in der er auf die besondere Eigenart und Anomalie des Hebräischen als Ausdrucksform der jüdischen Gemeinschaft eingeht. Nach einem interessanten Oberblick über die Lebendigkeit und Lebensfülle des Hebräischen in den verschiedenen Epochen der jüdischen Geschichte kommt er zu folgenden beachtenswerten Feststellungen: „Das Volk des Buches verdienen die Juden nicht bloß genannt zu werden, weil sie die Träger der im Buche niedergelegten Lehre sind, sondern weil sie wohl das einzige Volk sind, in dem nicht die in ihm schlummernden Kräfte die Sprache jeweils neu ergänzten, sondern in dem das Buch diese Kräfte ersetzte. . . Nur dann hat das Buch schöpferisch auf die hebräische Sprache gewirkt und sie umformend und neu erfüllend verlebendigt, wenn es selbst nicht bloß gelesen, zitiert und studiert wurde, sondern im Gedächtnis wirklich gegenwärtig und wirksam war. Die Situation des Hebräischen ist dadurch eine von allen Sprachen verschiedene, gewiß einmalige. Während sich allenthalben aus der Sprache des Volkes eine Schriftsprache ablöst und sich auch bei den Juden ehedem einmal abgelöst hat, ist die in Bibel und Mischna niedergelegte hebräische Schriftsprache für die Folgezeit der Ausgangspunkt für ein Neuwerden, für eine von Tag zu Tag wachsende und sich entwickelnde hebräische Volkssprache geworden. Vom hebräischen Buch ist auch sprachlich Leben ausgegangen, Leben, das zwar nicht so urwüchsig gestaltet wie die unbeschreibbare, sprachschaffende Kraft eines landgebundenen Volkes, aber immerhin Leben, das vielleicht alte, noch schlummernde Urkräfte wieder wachruft und zur Entfaltung bringt. . . Mit diesen Ausführungen erledigt sich eigentlich die Beantwortung der Frage, ob das Hebräische eine lebende und lebendige Sprache, oder ob sie nicht vielmehr eine zur Literatursprache erstarrte Sprache sei, — eine Frage, die als solche schon wiederum die ganze Eigenart des Hebräischen aufzeigt. Man könnte sich die Antwort leicht machen, auf das heute in Palästina gesprochene Hebräisch hinweisen und auf die Tatsache, daß für einen nicht unerheblichen Teil der Jugend das Hebräische dort nicht nur die Muttersprache, sondern die Sprache ist, die sie allein beherrschen und in der allein sie sich auszudrücken vermögen. Lassen wir aber die Entwicklung des Hebräischen in dien letzten Jahrzehnten ruhig unberücksichtigt! Richtig ist, daß die Umgangssprache der Juden, die sie bei der Beschäftigung des Alltags und im Verkehr mit ihrer Umgebung gebrauchten, nicht das Hebräische war, seitdem der Quell der sprachschaffenden Kraft für das Hebräische versiegt war; seit Jahrhunderten sprechen die Juden aramäisch, arabisch, deutsch oder irgend eine andere Sprache, je nachdem, in welche Kultur und Umgebung sie eingefügt sind. Das 38

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