Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Religion und Volkssitte
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 19 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sergeanten Dardar Meiner Mutter als Gruß er mit einem dicken Strich aus der Bestandsliste des Grenzkorps ausgestrichen werden mußte. Ich hörte den Erzählungen nur mit halbem Ohr zu, da derartige Dinge ja eigentlich nur für die daran Beteiligten von Interesse sind. Als aber dann der Name Dardar fiel und jemand sagte, daß nicht der Postenkommandant, sondern dieser Dardar die Schuld an der ganzen Schweinerei trug, horchte ich auf, denn einen Mann namens Dardar, einen dagestanischen Bergjuden, hatte ich gekannt. Ich ließ mir daher die Geschichte des Postens El terbiyeh nachher auch noch von andern Leuten, die damals in Transjordanien zu tun gehabt hatten, erzählen, suchte aus meinen Tagebüchern und aus meiner Erinnerung alle jene Stellen heraus, die sich mit diesem Dardar befaßten, und bald hatte ich das fast lückenlose Bild eines Menschen vor mir, dessen Lebensgeschichte immerhin interessant genug ist, um erzählt zu werden. Nissan Dardar gehörte jenem kleinen und wenig bekannten Stamm der Bergjuden im dagestanischen Gebirge an, die sich weder in ihren Gefühlen noch in deren Äußerungen irgendwie erheblich von den sie umgebenden Völkern unterscheiden. Nissan trat in jenem Augenblick aus der Alltäglichkeit eines Tag und Nacht bewaffneten Bergbauern heraus, da das Zarenreich zusammenbrach und der Kampf zwischen den Roten und den Weißen auch (Schluß von Seite 18) kein Vorrecht des „Geistes" ist, noch, daß Formfreude vom Besitz des Geistes ausschließt. Dieser Streit ist begraben. Wollen wir aber — heute gewiß stärker als je — das Judentum bejahen, so werden wir das am ehesten mit Erfolg tun, wenn wir an der Hand seiner Sinnbilder uns seines Sinnes bemächtigen. Peßach ist das Fest der Freiheit. Wir können uns in diesem Augenblick unsere Freiheit nicht klarer vor Augen führen, als daß der Zwang zum Judesein sich uns auflöst in freudigem Willen zu ihm, im Ertragen wie im Leisten. Darum ist dieses Peßachfest mehr als Erinnerung an die alte Geschichte vom Freiwerden unserer Urväter, sondern Entspannung von lastender Sorge in gegenwärtiger Zeit. 19