Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Nach einem Jahr
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nach einem Jahr vollziehen mußten, klingt erschütternd durch ihre Briefe das Gefühl der Heimatlosigkeit Auch das Erlebnis Palästinas hat, wenn es für deutsche nichtzionistische Juden zur Wahlheimat werden sollte, den Verlust der alten seelischen Heimat nicht ausgleichen können. Die jahrelang geübte systematische äußere und innere Erziehung der Zionisten für Palästina fehlte bei diesen Menschen. Konnte so das Land dem unvorbereiteten Menschen betont westeuropäischer und deutscher Prägung auch die verlorene Heimat nicht ersetzen, so sah man doch dankbar in ihm eine Zuflucht, von der man früher geglaubt hatte, daß sie nur für „unglückliche Ostjuden" geschaffen würde. In diesem einen Jahr hat die Mehrzahl der deutschen Juden eine Stellung zu Palästina gefunden. Zum mindesten setzt man sich mit ihm auseinander als mit einer Möglichkeit, eine neue Existenz aufzubauen; viele freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen gehen hinüber und herüber. Wenn diese überwiegend praktisch bestimmte Betrachtungsweise auch dem Ideal, das die Vorkämpfer der zionistischen Idee mit ihrem Aufbauwerk erstrebten, nicht gerecht wird, so kann sie doch auch nicht undankbar gescholten werden; sie entspricht der geistigen Haltung von Menschen, die trotz allem, was geschehen ist, trotz dem persönlich erlittenen Zwange sogar, der Heimat den Rücken zu kehren, die Tradition ihres deutschen Gewordenseins zu bewahren entschlossen sind. Wo die Existenzbasis genommen war, zwang harte Notwendigkeit zur Umschau in der Fremde. So sind einige tausend deutscher Juden und viele tausend ausländische, in Deutschland wohnhafte Juden, insgesamt wohl 40—50000, den Weg in die Welt gegangen. Die meisten hatten sich, solange es eben ging, an die geringste Existenzchance in Deutschland geklammert Die Haltung, mit der insbesondere die Jugend diesen schweren Weg ging, war bewundernswert Ohne Depression und ohne Lamentieren nahm sie den Bruch ihrer Entwicklungslinie als unabänderliche Tatsache hin und suchte sich im handwerklichen oder landwirtschaftlichen Umschichtungsprozeß ein neues Leben zu schmieden. Gestützt wurde sie und die Masse der deutschen Juden in ihrem harten Schicksal durch ein neues jüdisches Bewußtsein, das eindringlicher als alle Mahnungen und Forderungen früherer Zeit dem Einzelnen die innere Sicherheit gab, sich durchzukämpfen. Wer die seelische Bilanz des entscheidungsreichen Jahres zieht, wird diese Verinnerlichung, diesen Weg zurück zum Judentum, der in Wirklichkeit ein Weg vorwärts ist, als den Gewinn buchen, der für den Fortbestand einer materiell zwar geschwächten, in ihrem Bewußtsein und in ihrem menschlichen Wert aber gehobenen jüdischen Gemeinschaft bürgt H.Rn. 3