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Der Morgen · 1934-04-01 · Heft 1 (April 1934) · p. 2

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 1 (April 1934)
Article
Nach einem Jahr
Date
1934-04-01
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Nach einem Jahr werden: mögen Einzelne auch Irr- und Seitenwege gegangen sein, die deutsch-jüdische Gemeinschaft hat dieses entscheidungsreiche Jahr in guter Haltung durchlebt. Mit stoischem Stolz hat sie es getragen, wenn Abwertung und Beschuldigung hie und da in einer Form ausgesprochen wurden, die über die von der Regierung gewünschte rassenpolitische Unterscheidung hinausging. Sie reagierte mit stiller Überlegenheit und der Sicherheit innerlich nicht verletzbarer Menschen. Schwer getroffen, oft tiefer verwundet als durch wirtschaftlichen Existenzverlust, wurde sie durch den Abschluß vom deutschen kulturellen Werden. Daß deutsche Juden am geistigen, am künstlerisch-schöpferischen und -pflegenden, am charitativen und am politisch-gestaltenden Leben der Nation nicht mehr teilhaben sollten, war ihnen lastendes Erlebnis, weitab von jedem Geltungswillen oder eigensüchtigen Interesse. Wo gemeinsam durchkämpftes Schicksal menschliche Bindungen am engsten verflochten hatte, war auch die Lösung schwer und schmerzhaft. Weniges hat die jüdische Männergeneration so beeindruckt wie die Trennung von Bünden und Vereinigungen, die der Pflege kollegialen Geistes oder kameradschaftlicher Tradition galten. Die Verwurzelung in solchen Gemeinschaften, die das durch Erlebnis und Willen geformte Volk verkörpern, ist ein Gradmesser für die Nähe der Beziehung, in der sich die überwiegende Mehrheit der deutschen Juden zum deutschen Volk fühlte. Dieses Bewußtsein der Zugehörigkeit zum deutschen Volk war der Mehrzahl der deutschen Juden selbstverständlich. Es schien ihnen durch die Lebenswirklichkeit zu stark erhärtet, als daß es durch Theorien hätte erschüttert werden können. Als diese Theorien praktische Folgerungen zeitigten, als sie dem deutschen Volk und dem deutschen Juden mit großer Dringlichkeit immer wieder dargetan wurden, als jüdische Blätter sie zur Bestätigung ihrer nationaljüdischen Haltung heranzogen, mußte auch der verantwortungsbewußte deutsche Jude die Auseinandersetzung aufnehmen. Es lag nahe, daß mancher aus Verbitterung und verletztem Stolz eine Wendung um 180 Grad machte, daß aus indifferenten Leugnern jeder jüdischen Problematik Anhänger radikal-nationaljüdischer Lösungsversuche wurden. Aber die Zahl der plötzlich Bekehrten blieb klein. Die Tradition von fünf Generationen, das deutsche Erlebnis jedes Einzelnen, die kulturelle Einbettung waren Tatsachen, die einem gewaltsamen, unorganischen Umbruch der Umweltsbeziehungen vorbeugten. Ja, es kann durchaus der Schluß gewagt werden, daß die Bindung an die Heimat bei der Mehrzahl um so unmittelbarer spürbar wurde, je näher vor jedem einzelnen die Entscheidung stand, ob er künftig in Deutschland würde leben können. Wo deutsche Juden zum erstenmal die niemals vorgestellte Trennung von Deutschland 2

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