Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 9 (März 1934)
- Article
- Gespräch mit einem toten Professor über eine lebendige Dichtung [Rezension]
- Date
- 1934-03-01
- Page
- 525 (sequence 2)
- Language
- German
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Romanzero „wie bei den alten Klageliedern vor Schmerz erzitterte" und Stellen fand, die man sich „zu Purim aufheben kann". Auch hier würde er vielleicht zittern, wenn er den letzten Kampf und Tod des Königs Saul erlebte, und wiederum schmunzeln, wenn er von dem behaglichen Lagerhumor des Davidischen Jungvolks ein Pröbchcn verkostete. Hier weht freie Luft über Gilboas Bergen, und Bethlehems Hügel tauchen „von blauem Mondlicht überrieselt, steil umrissen in die Bläue der wolkenlosen Sommernacht". Ein Land erhebt sich vor uns; ein Volk; eine Zeit. Darum würde auch der Anhänger der altklassischen „drei Einheiten" wohl verstehen, daß hier die dramatische Form gesprengt werden mußte: das Vorspiel gibt, in rein epischem Flusse die Geschichte der Ahnfrau Ruth, der Ährcnlcserin, wieder und baut so den ruhevollen Hintergrund für die wildbewegten Taten und Leiden von König Sauls Sturz und des jungen Davids Aufstieg. Wie aber dann die Gestalt dieser Hundertjährigen, deren Jugendlied von der Treue schon die Kinder in Israel singen, immer wieder auftaucht, wenn es gilt, dem späten Enkel in der Stunde der Entscheidung den rechten Weg zu zeigen, und wie am Schluß noch ihre hohe Gestalt „regungslos, eine silberne Säule" aufragt, das verbürgt diesem weltweiten Drama eine neue Einheit, — Einheit eines Stammes über die Geschlechter hinweg: ein merkwürdiges Problem für den Historiker, um das sich in seltsamem Parallelismus in gleicher Zeit auch Thomas Mann bemüht. Aber von der Historie schreitet es zur Deutung der Geschichte fort. Gegen die Freunde, die für das eigene Volk das Zukunftsbild des Machtreichs („wie alle Völker") aufstellen, wendet sich Davids strenge Schau: „Erwählt . . . nur solang Du Zu tausend strengen Pflichten selbst Dich wähltest — Bereit Dich hinzugeben, wenn es ruft, So lang erwählt und keinen Atem länger!" Ob der alte Bernays mit dieser Ncubelcbung der „granitnen Gestalten" aus dem Geiste der Bibel nicht endlich doch noch einverstanden wäre? Der Sohn des Chacham Bernays aus Hamburg würde doch wohl beifällig dazu nicken und leise summend den wohlvertrautea Satz wiederholen: „So spricht Ben Bag-Bag: Wende die Thora hin und wende sie her; denn Alles ist in ih r." Peloni Almoni. Karäer kehren zurück Wie kürzlich aus Warschau berichtet wurde, haben auf uem dortigen Palästina - Amt der Jewish Agcncy Abgesandte der Karäer aus Luck in Polnisch-Wolhynien vorgesprochen. Sie hatten in ihrer Not die lange Wanderung zu Fuß gemacht und baten um Palästina-Zertifikate für ihre Gemeindemitglieder, die der polnischen Agrarkrise zu erliegen drohen. Die Karäer sind die Reste eines finnisch-tartarischen Volksstamms, der sich im 8. Jahrhundert in Südrußland zum Mosaismus bekehrt haben soll. Nach ihren Überliefe- 525