Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 9 (März 1934)
- Article
- Wirtschaftsschicksal und Lebenswille
- Date
- 1934-03-01
- Page
- 521 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Wirtschaftsschicksal und Lebenswille keit des Auslandes aus allgemeinwirtschaftlichen Gründen beschränkt und eine berufliche Tätigkeit überdies durch gesetzliche Maßnahmen erschwert, so daß für fast jeden Auswanderer ein neuer Existenzkampf beginnt. Die Sorge und Hilfe für eine halbe Million Menschen, die in Deutschland bleiben und, weil sie sich hier verwurzelt fühlen, bleiben wollen, ist Sache der jüdischen Gesamtheit. Die Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe konnte Ende Oktober 1933 mitteilen, daß seit dem 1. April 1933 allein in Deutschland und dem angrenzenden Ausland etwa 3000 Menschen in Handwerk, Gartenbau und Landwirtschaft untergebracht werden konnten. Diese Ziffer läßt aber alle die außer acht, die nicht durch Vermittlung oder mit Hilfe jüdischer Organisationen, vielmehr auf eigene Faust, Handarbeiterberufe ergriffen haben. Es kommt nunmehr darauf an, für eine eingehende Berufsausbildung, die eine grundsätzlich wichtige Voraussetzung der Umschichtung ist, Sorge zu tragen. Dennoch: die Berufsumschichtung wird nicht als einziges Allheilmittel angesehen werden können. Die Schwierigkeiten seien nicht verkannt. Sie liegen teils in den Menschen selbst begründet, die sich entweder zur Handarbeit nicht eignen oder sich innerlich mit dem Gedanken der Abkehr von der bisher üblich gewesenen Berufsausbildung nicht abfinden können. Teils sind es aber auch sachliche, wirtschaftspolitische Umstände, die einer großzügigeren Berufsumschichtung gerade zu Landwirtschaft und Handwerk hin ungünstig gegenüberstehen und durch Verhandlungen mit den Organen des Reichs und der Länder nach und nach beseitigt werden müßten. Und schließlich beansprucht ein umfangreiches Umschichtungswerk ungeheure Geldmittel, deren Aufbringung allein der jüdischen Gemeinschaft obliegt. Deshalb kommt ergänzend die Aufgabe hinzu, alles Bestehende zu erhalten, und zu diesem Zweck wird auch den Fragen der Wirtschaftsberatung, Arbeitsvermittlung und Kreditgewährung dauernde Aufmerksamkeit geschenkt. Wohin der Weg, das wirtschaftliche Geschick von 500000 deutschen Juden geht, kann niemand voraussagen. Alles ist noch im Fluß. Die ersten notwendigen Folgerungen aus den wirtschaftspolitischen Vorgängen des abgelaufenen Jahres sind gezogen worden. Sie werden die soziale Schichtung und die berufliche Gliederung des deutschen Judentums auf weite Sicht grundlegend ändern. Sie bedeuten ein schweres Ringen für die Gesamtheit, einen harten Kampf für den Einzelnen. Die Anstrengungen aller jüdischen Instanzen werden dauernd dahin gehen müssen, die Ausgliederung aus dem deutschen Wirtschaftskörper einzudämmen. Neue Emanzipation, d. h. Einordnung in den Staat und seinen Wirtschaftskörper unter anderen Voraussetzungen als bisher, darf auf die Dauer kein Schlagwort bleiben. 521