Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 9 (März 1934)
- Article
- Der "Morgen" im zehnten Jahr
- Date
- 1934-03-01
- Page
- 498 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Der „Morgen" im zehnten Jahr Im Jahre 1925 hat der „Morgen" als Zweimonatsschrift sein Dasein begonnen. Will man zum Anfang seines zehnten Jahres das, was die Zeitschrift wollte, mit dem, was sie in den ersten neun Jahren wirklich geleistet hat, konfrontieren, so muß zuerst ihres Begründers und Herausgebers Julius Goldstein gedacht werden. Als er am 25. Juli 1929 starb, trugen fünf Jahrgänge — 30 gewichtige Hefte — das Gepräge seines Geistes. „Sein angewandtes Denken ging in liberalen Geleisen. Aber in der Weise, daß für ihn der Liberalismus noch umleuchtet, noch geadelt war von den Geistfunken des deutschen Idealismus. Und um diese wirkliche Berührtheit von einer großen Offenbarung deutscher Humanität blieb alles Echte seines Denkens und selbst seines Charakters versammelt." Diese Sätze aus dem Nachruf von Wilhelm Michel klingen heute vielen hohl und gespenstisch. Aber wer an die kommende Auferstehung eines geläuterten Rationalismus, eines von allen Schlacken - der Empfindsamkeit und der Willensschwäche befreiten Menschheitsgedankens unbeirrt glaubt, wird in Julius Goldstein und in den von ihm angeregten geistigen Leistungen keine hinter uns liegende abgeschlossene Vergangenheit sehen, an die man sich höchstens pietätvoll in schicklichen Abständen erinnert. Der „Morgen" wollte, als er zu erscheinen begann, nach seinem ausgesprochenen Programm dem „religiösen Gedanken" dienen, wie ihn der religiöse Liberalismus verstand, also nicht etwa der Mitteilung eines wunderbaren, übernatürlichen Wissens von Gott und göttlichen Dingen. Seine in den vorliegenden Jahrgängen zur Tat gewordenen positiven Leistungen — die praktische Anwendung jenes Programms — bestehen denn auch in der Hauptsache in ausgezeichneten philosophischen Essais, in geistesgeschichtlichen Abhandlungen von Rang und in der Erörterung der so wandlungsreichcn jüdisch-deutschen Problematik von dem noch unverrückten Standort aus, „daß wir nach Abstammung und Religion Juden, nach Kultur und Vaterland Deutsche sind". Die eigentliche Stärke des „Morgen" lag in den abgelaufenen Jahren in der wachen Beobachtung aller Erscheinungen und Strömungen des gesamten europäischen, namentlich des deutschen geistigen Lebens. Nur als ein Verdienst unter vielen sei erwähnt, daß er als erstes jüdisches Organ die wirtschaftlichen Veränderungen der Umwelt in ihrer Auswirkung auf die deutsche Judcnheit wissenschaftlich durchforscht und in einer Fülle von Einzeldarstellungen beleuchtet hat. Nichtjüdische und jüdische Sach- und Fachkenner kamen in gleicher Weise über künstle- "sene, pädagogische, philosophische, religions- und sozialwissenschaftliche Themen zu Wort, und vielfach wurden in Rede und Gegenrede, gewechselt zwischen jüdischen und christlichen Theo- 498