Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 8 (Februar 1934)
- Article
- Mendelssohns Tod
- Date
- 1934-02-01
- Page
- 474 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Bertha Badt-Strauß: Mendelssohns Tod Berlin, den 20. Januar . . Gestern morgen erhielten wir einen Gegenbesudi von Mendelssohns Frau, die von der Hofräthin Herzen begleitet war. Dies ist eine sehr artige Frau und eine vertraute Freundin von der ältesten Tochter unseres seligen Freundes. Prof. Engel und Doctor Herz machen die Vorrede zu seiner letzten Schrift gegen Jacobi. da dann Letzterer nodi alle besondern Umstände seines Todes einrücken wird. Idi habe sie mir von jedem erzählen lassen und mit Erstaunen gesehen, weldie Variations sdion jetzt einsdilidien - - Was soll man bey soldien Beobaditungen über die Wahrheit entfernter Begebenheiten denken? Idi war nidit wenig ersdirodien. als die Doctor Herzen mir sagte, daß Friedländer alle Briefe sammelt, um sowohl die an als von ihm herauszugeben. Es würde mich sehr betrüben, wenn mein letzter mit in die Liste käme, und idi habe mir ihn sehr ernstlidi zurück ausgebeten. Idi spradi in selbigem so ganz frey über gewisse Dinge, weldie man in der Welt wohl sdwn glaubt, aber Über weldie man weislidi einen gewissen Nimbus zu erhalten sudit. Sophie Becker galt ihrer Zeit nicht nur als eine begabte Dichterin und redlich suchende Vernunftfreundin, sondern auch als eine weit- und menschenkundige Frau; sie zeigt diese Fähigkeiten auch in diesen scheinbar so harmlosen Äußerungen über Mendelssohns Ende. An jedem Brief schreibt nicht nur der Schreiber, sondern auch der Empfänger mit. Und die Empfängerin ist in diesem Falle eben Elise Reimarus: die Frau, die Jacobis Äußerungen über Lessing zuerst Mendelssohn vermittelt hatte, die bei ihrem ganzen Streit als Schiedsrichterin dabei war und die sich, wie Sophie ohne Zweifel wußte, seit Jacobis kränkender und übereilter Veröffentlichung seiner Schrift über Spinoza die bittersten Vorwürfe machte, selbst noch ein Fünkchen zu diesem Streite beigetragen zu haben. Es schmerzte sie, daß aus einem rein sachlichen Gespräch zweier der edelsten Wahrheitsforscher nun ein Privatstreit wurde, bei dem nur „die Feinde Lessings und der Wahrheit" siegen würden. Nein — Elise Reimarus durfte niemals denken, daß ihr „Orakel von Delphoi", der Mann, zu dessen Füßen sie so gerne saß, durch diesen Streit ums Leben gekommen sei. Darum offenbar betont die kluge Freundin in ihrem Briefe Mendelssohns geistige Unberührbarkeit und sein „Lächeln" — das doch vertrautere Freunde gerade in dieser Zeit an ihm vermißten. Es scheint, als ob sich die Nachwelt mehr und mehr dem oben erwähnten Urteil des Hofrats Herz anschließe. Und das wird auch die innere Überzeugung Sophie Beckers gewesen sein. Jacobis Schrift hat dem kranken Manne den Todesstoß gegeben — im Kampf für die Ehre seines Freundes Lessing ist Mendelssohn gestorben. 474