Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 8 (Februar 1934)
- Article
- Mendelssohns Tod
- Date
- 1934-02-01
- Page
- 473 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mendelssohns Tod habe, und theils. weil meine Seele in der Stimmung, welche dei Tod unseres Mendelssohns in dieselbe gebradit hat, die stille Unterhaltung mit einer soldien Freundin den geräuschvollen Vergnügen vorzuziehen-gezwungen ist. Idi muß nodi lange die zurückgebliebenen Ausflusse der Seele des besten Mannes in die meinige herüber zu tiagen sudien. ehe idi seinen Gleidimuth bei allen Sdiicksalen des Lebens erlerne. Idi denke mich jetzt lebhaft an Ihrer Seite. Elise, und welche Seligkeit es jetzt für mein Herz wäre, wenn idi zu Ihnen auf Ihr Stubchen schleidien und bis in die Mitternadit hinein von ihm und über ihn spredien könnte. Dann läsen wir zusammen seinen letzten Brief an midi, der eine Antwort auf etwas ist, das ich ihm über einige Ersdieinungen meiner Seele im Vertrauen schrieb. Jetzt ist es meine liebste Besdiäftigung. seine Schriften zu lesen. Es liegt etwas besonders tröstlidies in der Vorstellung, daß durdi diese gleidisam die Seele des Mannes midi umschwebt, ich sehe ihn alsdann lebhaft in seiner irdischen Gestalt, lese in seinem schönen Auge den Geist, dessen Hauptzug Liebe war. . . Berlin, den N.Januar . . Nun mehr werden Sie wohl meinen Brief erhalten haben, der Ihnen von Mendelssohns Verlust spricht. . . Gern würde ich Ihnen viel von Moses sdireiben, aber sein Tod ist so still, so ganz unerwartet erfolgt, und wie sie sdion wissen, so plötzlich, daß idi ihnen nidits von dem Vorhergegangenen schreiben kann. Seine Frau, zu der wir gleidi nadi dem Tode geschickt hatten, schrieb: .Für midi ist nun weiter keine Freude auf Erden' . Es ist wohl sehr falsch, daß der Streit mit Jacobi seinen Tod bewirkt hat. dieser ist gewiß die Folge einer starken Verkältung. welche er sidi in dem strengen Froste zugezogen hat. da er die letzten Bogen seiner Sdirift gegen J. selbst zum Buchdrucker gebracht hat. Seine Seele hatte sidi einen gewissen Gleichmut zu sehr eigen gemadit. als daß er sich den Verdruß über einen schwadien Gegner so hatte zu Herzen nehmen sollen. Er hat nie mit Bitterkeit davon gesprodien. ja zuletzt konnte er lädietn. Indessen glaube ich wohl, daß man darauf bedacht seyn wird, diese Ursadie als die wahre anzunehmen. Aber wer den hellen philosophischen Geist unseres Mendelssohns kennt, wird es nimmer glauben, daß er durdi Meinungen eines andern sidi so sehr könnte niederbeugen lassen. Berlin, den 17. Januar . . Gestern sind wir zum ersten Male in das verwayste Haus unseres Moses gekommen. Nein, ich sage Ihnen nidits umständliches von dem, was für Eindruck alles auf unsere Seele madien mußte. Elise, mir ist um Ihre Gesundheit so sehr bange, so wenig Gefahr Sie machen. Dodi muß jeder Umstand Ihnen willkommen seyn. welcher zeigt, daß unser Freund wenig gelitten hat. und den Tod eines Weisen gestorben ist. Den Abend vor seinem Tod hat er sich auf das Sofa geworfen, über welches Lessings Büste steht: die Seinigen zeigen Besorgniß. daß er da die Nadit verbringen will und fürchten, daß die Büste niederstürze. .Haltet Ihr denn Lessing für einen Heiligen?' fragt Moses lächelnd. Auf eben diesem Sofa ist er des Morgens um 8 Uhr verschieden. Die Frau und du Kinder sind ein Gemähide des stillen Schmerzes, es herrscht soviel Anstand in ihrer Trauer. Das ehrt ihn gewiß mehr als laute Klagen und Verzweifelung. . 473