Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Autorität
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 411 (sequence 2)
- Language
- German
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Autorität ihn als Weltanschauung in Anspruch nehmen. Es ist sein tragisches Schicksal, daß er immer tiefer in das Konkordat mit den offiziellen Mächten verstrickt, in ihren Sturz mit hineingezogen wird. Es ist möglich, daß er, bis auf weiteres von ihnen gelöst, seinen Weg fortsetzt, der vielleicht der Weg des europäischen Geistes ist. Die an ihn gestellte Frage, die über ihn entscheidende Frage ist, ob er ohne Preisgabe der individuellen Freiheit Volk, Autorität und Individuum zu einer lebensfähigen Einheit zu verknüpfen vermag. II. Diese Bemerkungen über den politischen Liberalismus waren an dieser Stelle notwendig, weil und insofern der religiöse Liberalismus mit dem politischen etliche Voraussetzungen gemein hat; in allen Erscheinungsformen des Liberalismus, aber auch nur innerhalb des Liberalismus, ist das Problem der Macht ein echtes Problem. Auch der jüdische religiöse Liberalismus betreibt die Harmonisierung, hat es mit dem zu tun, was wir Vorwegnahme genannt haben. Dazu verhalf ihm insbesondere der Prophetismus. Er ist sein Lieblingsthema, und seine Neigung ist hinlänglich bezeugt, das Judentum insoweit zu respektieren, als es prophetisches Judentum ist. Der ethisch gerichtete Liberalismus glaubt im Prophetismus sein unmittelbares Vorbild erblicken zu dürfen. Die Kriiik an der eigenen Geschichte, der Protest gegen die Veräußerlichung des Kultus und insbesondere die Richtung auf „jenen Tag", an dem die ganze Erde mit der Erkenntnis Gottes sich füllt — das alles war ihm ganz gemäß. Die bürgerliche Gleichheit war ihm wie eine Verheißung auf diesen jüngsten Tag, noch mehr, war ihm schon der direkte Eingang zum Reich. In wieviel Irrungen ist der Liberalismus mit dieser Nachfolge hineingeraten: aus dem leibhaftigen Propheten wurde die glatte Abstraktion des Prophetismus, aus dem mächtigen Gott der Väter häufig genug ein Prinzip, aus seinem Gebot eine autonome Ethik, mit der man Gott selber vor die Schranken des Gerichts zitieren konnte. Vor allem aber übersah er den Unterschied zwischen einer Forderung, die innerhalb des Volksganzcn erhoben wird, zwischen dem Fordernden, der keinen Augenblick vergißt, wo er steht, und einer Vorwegnahme, die die echte Forderung ihres Charakters entkleidet, die Grenzen der Zeit verrückt in einer voreiligen Harmonisierung. Zu unserem eigentlichen Gegenstande aber kommen wir mit der Frage nach der Macht; und was vom Befehlenden aus Macht heißt, heißt vom Gehorchenden aus Autorität. Im Protestantismus, und überall, wo der Liberalismus in Erscheinung tritt, begegnet uns, wenn auch unter verschiedenen Namen, 411