Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Abendland und Morgenland [Nachricht]
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 407 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ignaz Maybaum: Der jüdische Sinn des deutschen Judentums Zwischen Abendland und Morgenland ist im Laufe der Jahrhunderte immer neue Spannung erzeugt worden; durch die erstmalig in größerem Umfang erfolgende Niederlassung deutscher Juden in Palästina rückt diese Auseinandersetzung für das deutsche Judentum wieder in lebendige Nähe. Um die Einordnung dieser jüdischen Bewegungswelle in eine deutsch-jüdische Sinnbeziehung kreisen die folgenden Betrachtungen von vier Autoren, die von ganzverschiedenen Standpunkten herzu der Frage Stellung nehmen. Der jüdische Sinn des deutschen Judentums Vor uns liegt die Frage, inwiefern die Schicksalstatsache, daß wir deutsche Juden sind, eine jüdische Bedeutung hat. Diese Frage nach dem jüdischen Sinn der Verbundenheit des deutschen Juden mit der deutschen Kultur und Geschichte ist die Frage nach dem Wesen dos Westjuden. Mit dieser Frage greifen wir in die tiefste und fruchtbarste Problematik der jüdischen Geschichte. Denn schon der Jude, der in Palästina und außerhalb* Palästinas trotz seiner bewußten oder unbewußten Verbundenheit mit der griechisch-römischen Kultur Jude blieb, war Westjude. Palästina selbst war Kampfplatz zweier um das Judentum ringender Mächte: alexandrinisches und babylonisches Judentum waren die Gegensätze. Aber Palästina liegt in der Mitte. Palästina wird von der hellen und offenen Weite des Meeres bespült — „zum Meer" und „zum Westen" bedeutet in Palästina dasselbe — und hat hinter sich die Unermeßlichkeit der Steppen und Wüsten, die dunkle Unermeßlichkeit des Ostens, des Orients. Palästina liegt in der Mitte. In der Mitte leben heißt darauf verzichten, für das, was rechts oder links von der Mitte ist, Partei zu ergreifen. Damit hört die Mitte auf, gesichert festzustehen. In der Mitte leben heißt Verewigung des Unge-» sichertstehens. Und. das ist die Lage des Glaubens. Glauben heißt Verzicht auf gesicherte Position. Weder die männlich klare Vernünftigkeit des Westens noch das mütterliche Dunkel östlicher Mystik kennzeichnet Palästina, sofern es „Land Israel" ist, Land, von dem „ausgeht Lehre", Lehre, die nicht die irdische Klugheit des Westens, aber auch nicht der unpersönliche Transzendentismus des Ostens ist, sondern Glaube. Der Glaube Israels läßt uns nicht die Möglichkeit, zwischen West-Judentum und Ost-Judentum uns für die eine gegen die andere Seite zu entscheiden. Wo der Glaube Israels lebendig ist, ist der Gegensatz zwischen Ost-Judentum und West-Judentum aufge-t 407