Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Der Jude als Orientale
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 393 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Jakob Wassermann: Der Jude als Orientale und greift daher zu Mitteln, die seinen Charakter kompromittieren, indem sie sein Selbstgefühl nur in der Gebärde steigern. Alles wird Gebärde an ihm, alles Überhitzung, alles Manie. Ihm ist sozusagen die Idee seines Daseins geraubt, infolgedessen muß er jeden Erfolg, jede Wirkung, jede Förderung seiner eigenen isolierten Persönlichkeit abzwingen, und so besitzt er auch nichts weiter als eben diese Persönlichkeit, deren Sklave und Opfer er ist. Er muß sich behaupten, er muß sich durchsetzen, und da er ohne lebendige Wechselwirkung und ohne tiefere Zugehörigkeit lebt, muß er seine Anlagen und Fähigkeiten überspannen und bietet ein jammervolles Schauspiel beständigen Krampfes, beständiger Gier, beständiger Unruhe. Wir kennen sie ja, lieber Freund, wir kennen sie und wir leiden an ihnen, diesen tausenden sogenannten modernen Juden, die alle Fundamente benagen, weil sie selbst ohne Fundament sind; die heute verwerfen, was sie gestern erobert, heute besudeln, was sie gestern geliebt, denen der Verrat eine Wollust, Würdelosigkeit ein Schmuck und Verneinung ein Ziel ist. Sie geben sich nur hin, wo sie sich verlieren können, und bewundern nur dort, wo sie sich verstoßen fühlen. Im Grunde ihres Herzens glauben sie bloß an das Fremde, das Andere, das Anderssein, erklärlicherweise, denn als Entgötrerte sind sie ja unverwandelbar und suchen vermittels eines Salto mortale oder einer Ekstase die Ergänzung im Extrem. Die in der Gier und im Krampf vergeudete Seelenkraft macht ihr Gemüt alsbald arm und öde und drängt sie auf das Feld steriler Spekulation, d. h. sie treiben Kritik um der Kritik willen, der Formel und dem Urteil zuliebe. Aber sie leiden auch selbst, und ihr Leiden ist ein tödliches, das wissen sie so gut wie wir, die wir ihnen nur ins Antlitz zu schauen brauchen, um den Tod darin zu erkennen. Der Jude hingegen, den ich den Orientalen nenne — es ist natürlich eine symbolische Figur; ich könnte ihn ebensowohl den Erfüllten nennen oder den legitimen Erben —, ist seiner selbst sicher, ist der Welt und der Menschheit sicher. Er kann sich nicht verlieren, da ihn ein edles Bewußtsein, Blutbewußtsein, an die Vergangenheit knüpft und eine ungemeine Verantwortung der Zukunft verpflichtet; und er kann sich nicht verraten, da er gleichsam ein offenbartes Wesen ist. Er ist kein Leugner, sondern ein Bestätiger. Er ist niemals Sektierer, niemals Partikularist, er hat nichts von einem Fanatiker, von einem Prätendenten, von einem Zurückgesetzten, er hat alles innen, was die andern außen suchen; nicht in verbrennender Rastlosigkeit, sondern in freier Bewegung und Hingabe nimmt er teil am fortschreitenden Leben der Völker ... Er kennt seine Quellen, er wohnt bei den Müttern, er ruht und schafft, jene sind die ewig wandernden Unwandelbaren. 393