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Der Morgen · 1934-01-01 · Heft 7 (Januar 1934) · p. 392

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 7 (Januar 1934)
Article
Der Jude als Orientale
Date
1934-01-01
Page
392 (sequence 1)
Language
German
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Jakob Wassermann: Der Jude als Orientale In seiner Schrift „Der Literat oder Mythos und Persönlichkeit" hatte sich Jakob Wassermann über das Judentum der Vorkriegszeit folgendermaßen geäußert: „In der Existenz des Juden gibt sicfi die sdiärfste Gegensätzlichkeit geistiger und seclisdier Eigensdiapen kund. Er ist entweder der gottloseste oder der gotterfüllicste aller Mensdien: er ist entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, sei es in neuen, utopisdien, das Alte zerstörenden, oder er will in anardiisdicr Einsamkeit nur sidi selber sudien. Entweder ist er ein Fanatiker oder ein Gleidigültiger, entweder ein Söldner oder ein Prophet. Das Sdiidcsal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden Nationen, ihre ungeheuren wirtsdiaftlidien und geistigen Anstrengungen im Kampf gegen die widrigsten Umstünde, der fortwahrende Zustand der Abwehr, der Selbstbehauptung, das plötzlidie Erwadien am Morgen eines Kulturtags, das leidensdiaftlidie Ergreifen der Hilfsmittel und Waffen dieser Kultur und die darauf erfolgte gewaltsame Unterdrückung und Zersdineidung der Tradition, all das hat die Juden als ganzes Volk zu einer Art von Literatenrolle vorbestimmt. Wo sidi hingegen der Einzelne wieder des großen Zusammenhangs bewußt wird, wo er im Sdioß der Gesdiidite, der Überlieferung ruht, wo urewige Symbole ihn tragen, urewige Blutströme ihm Ädelsbewußtsein verleihen und zugleidi alles Errungene und Erworbene organisdi damit versdimilzt, da mag er wohl den Weg zu Göttlidiem leiditer als andere finden. Der Jude als Europäer, als Kosmopolit ist ein Literat: der Jude als Orientale, nidit im ethnographisdien, sondern im mythisdien Sinne, mit der verwandelnden Kraft zur Gegenwart, die er besitzen muß, kann Sdiüpfer sein." In einem Brief an Martin Buber (abgedruckt in „Lebensdienst", Verlag Grethlcin <Sc Co., Leipzig-Zürich) erklärt der Dichter dazu, daß er unter dem Typus des „Literaten" den vom Mythos losgelösten Menschen, den „Gottlosen" im Gegensatz zum schöpferischen Menschen versteht, und bemerkt dann zur Erläuterung: Es ist der Gegensatz zwischen Verwelkung und Fruchtbarkeit, zwischen Vereinzelung und Zugehörigkeit, zwischen Anarchie und Tradition. Sich von der Vergangenheit abzuschneiden, ist das leidenschaftliche Bestreben des auf sich selbst gestellten Juden, gerade weil ihn Milieu, Reminiszenz, Gewöhnung und Verpflichtung mancherlei Art äußerlich oder innerlich an die Vergangenheit binden. Aber er findet in der Bindung das Gesetz nicht, und so zerstört er sie und wird Einzelner, Individualist. Er hat nicht Phantasie genug, um zwei nur dem Scheine nach verschiedene Formen der Existenz in seinem Gemüt zum Einklang zu bringen, und so leugnet er die eine, die wurzelhafte, und macht die andere zu einem Zufallsprodukt, wähnend, er sei dessen Lenker und Beherrscher. Ein Wahn, der nicht verhindert, daß er die tiefe Unsicherheit seiner Position beständig spürt; weil er sie spürt, will er sie desto glaubhafter machen 392

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