Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Restauration oder Renaissance?
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 391 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Restauration oder Renaissance? Stellenden außerhalb unserer Gemeinschaft beurteilt worden sind. Die Erscheinung droht sich zu wiederholen. Nicht die Sichtbaren und Selbstbedachten, sondern die Stillen im Lande sind für das Schicksal des deutschen Judentums richtunggebend. Erst das Jasagen zum Unbequemen ist echtes „Ja". An sich liegt weder im Verbleiben in Deutschland noch im Hinausgehen nach Palästina eine jüdisch wertvolle Tat. Das Verbleiben von 500 000 Juden in Deutschlands Grenzen ist für das Judentum wie für das Deutschtum bedeutungslos, wenn es sich dabei lediglich um eine zwangsläufige oder bequeme, nicht um eine aus dem Gefühl der Verantwortung und Verbundenheit erwachsene Entscheidung handelt. Die Fortführung unserer Gemeinschaftsgeschichte wird ebensowenig durch geniales wunschbetontes Überspringen von Zusammenhängen gesichert wie dadurch, daß erkannte Fehler eine Zeitlang vermieden werden, bis neue Fehler fällig sind. Der Weg des deutschen Judentums im letzten Jahrhundert wird nicht plötzlich zum Irrweg, weil er seit kurzem durch eine veränderte Landschaft führt. Er würde zum Irrweg, wenn man ihn nicht der Landschaft und ihren Erfordernissen anpaßte, und freilich auch dann, wenn sein Unterbau sich lockerte, so daß der Weg versandete, oder er sich immer mehr in Einzelpfade auflöste. Auf den Unterbau kommt es an und auf seine Bestandteile. Ungewohntes neu zu sehen ist leicht, — Neues, wenn es sich wieder äußerlich gewohnt zeigt, dauernd als Neues zu empfinden, ist schwer, aber bedeutungsvoll. Wer nicht erkennt, daß in allem und jedem, selbst wo vertraute Erscheinungsformen beibehalten sind oder wiederkehren, Deutschland um uns sich gewandelt hat, Deutschtum und deutsches Wesen neu begriffen, deutsche Worte in ihrem neuen Sinn erfaßt werden müssen, kann in sich selbst nicht ein Deutschtum vorbereiten, in dessen von uns ersehnter Weite auch wir unseren Platz neu finden können. Wer nicht einsieht, daß Judentum in dieser Zeit und vorerst für unsere Generation Verpflichtung und Verantwortung bedeutet, der nicht auszuweichen ist, sondern die gesucht werden will und um deren Sinn jeder, sei es freudig oder schmerzvoll, zu ringen hat, der wird zwischen einem Deutschtum, das er nicht versteht und das ihn ablehnt, und einem Judentum, das er nicht versteht und das er ablehnt, heimatlos sein in Raum, Zeit und Geist A. H. 391