Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Aufbruch der Jugend
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 354 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Georg Lubinski die sonst im gesellschaftlichen Leben noch keine erhebliche Bedeutung hatten, für die Gruppen der Jugendbewegung schicksalhafte Folgen auslösen könnten. Die Ausgliederung der Juden aus dem öffentlichen und gesellschaftlichen Leben, wie wir sie heute in Deutschland erleben, stellt den Versuch dar, die Gesetze, die damals in kleinen sehr intensiv lebenden Gemeinschaften sich geltend machten, auf die ganze deutsche Gesellschaft anzuwenden. Die Entwicklung der jüdischen Jugendbewegung zeigt auf der anderen Seite, daß es gelingen kann, aus der zunächst nur negativ empfundenen Ausgliederung Impulse für eine bedeutungsvolle Zusammenfassung und Quellen eines wertvollen Eigenlebens zu erschließen. Dabei muß man sich des wesentlichen Unterschiedes bewußt bleiben, daß es zwar gut und nützlich sein kann, ein Gruppenleben mit eigenem pädagogischen Inhalt zu führen, daß dagegen dessen Ausdehnung auf das Wirtschaftsleben zum Untergang führt, da ja keine Möglichkeit der Schaffung eines geschlossenen jüdischen Wirtschaftskörpers gegeben ist. Eine der wesentlichsten Übereinstimmungen zwischen der jüdischen und der nichtjüdischen Jugendbewegung liegt in den Voraussetzungen, unter denen jemand als geeignet erscheint, der Jugendbewegung zuzugehören, also in der „Jugendbewegungsfähigkeit'*. Hier ist zwischen psychologischen und soziologischen Voraussetzungen zu unterscheiden. Die wichtigste psychologische Voraussetzung ist die Gemeinschaftsfähigkeit. Wir verstehen darunter eine geistige Anlage, die es dem Einzelnen ermöglicht, sich in eine Gemeinschaft von jungen Menschen einzuordnen und dadurch eine Steigerung seines Lebensgefühls zu erreichen. Die Sehnsucht nach einer solchen Gemeinschaft ist bei dem jüdischen Jugendlichen stärker als bei dem nichtjüdischen, weil der jüdische Jugendliche außerhalb der Familie viel häufiger den Mangel solcher Gemeinschaft in der Form der Isoliertheit erlebt. Hat die Isolierung bereits einen zu starken Grad erreicht, so wird dadurch die Gemeinschaftsfähigkeit beeinträchtigt. Das ist die Erklärung dafür, daß Jugendliche, die erst zu spät mit der Jugendbewegung in Berührung kommen, sich nicht mehr einordnen können. Zur Gemeinschaftsfähigkeit gehört es weiterhin, daß die körperliche und geistige Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Der „fertige" Mensch findet in der Jugendbewegung keine Erfüllung, auch wenn der Abschluß der Entwicklung nicht das Ergebnis einer inneren Reife, sondern eines harten Eingriffs von außen ist. Findet dagegen die Gemeinschaftsfähigkeit in der Jugendbewegung ihre Erfüllung, so zerbricht damit eine „Schale der Ichhaftigkeit", und es eröffnen sich Möglichkeiten eines sinn- 354