Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Der "Blau-Weiß"
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 352 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Hanns Rcißner: Der „Blau-Weiß" ihren nicht immer gefälligen Erscheinungen und ihrer gelegentlichen Blaustrümpfigkeit wurden von den Jungen als Typ abgelehnt. Jetzt aber heischte ein bisher noch schlummernder Teil ihrer Gesamtpersönlichkeit nach voller persönlicher Entfaltung. Der von Grund auf veränderten Sachlage mußte endlich auch die Bundesleitung in der Weise Rechnung tragen, daß sie im Frühherbst 1926 die Verpflichtung auf den Bund und seine Gesetze formell aufhob. Der erste Versuch der kollektiven Leistung einer deutschjüdischen Jugendgeneration war gescheitert. Gescheitert nicht aus Mangel an reinem Wollen oder weil die Deutung von Gegenwart und Zukunft aus unverbildetem jugendlichem Gefühl grundsätzlich irrig gewesen wäre. Diese Bewegung, entstanden in der Auflehnung gegen Schule und Elternhaus der Vorkriegszeit, hat in den knapp anderthalb Jahrzehnten ihres Daseins etwa zehntausend junge deutsche Juden berührt und davon an die zweitausend in ihrer Entwicklung entscheidend bestimmt, indem sie sie zu aufrechten Menschen mit offenen Sinnen und großer Hingabefähigkeit formte. Auch die innere Gewißheit, daß die gesellschaftliche und berufliche Existenz der Nachkriegsjugend gegenüber der der vorangegangenen Generation unter entscheidend veränderten Bedingungen stehe, hat inzwischen eine erschütternde Bestätigung erfahren. Gescheitert ist der Versuch des Blau-Weiß durch seine Voreile im Drang des Gestaltenwollcns. Die Menschen, die sich in Palästina zu gemeinsamem Werk zusammenschlössen, waren trotz bester Absichten beruflich ungenügend geschult und innerlich nicht auf ein Leben außerhalb des deutschen Kulturkreises vorbereitet. In ihrem Bild kollektiven Schaffens war die Gegenkraft familiären Gebundenseins unvorgeschen. Im ganzen fehlte der Zwang des Nicht-mehr-zurück-könnens. Damals schien der Einzelne immer noch wieder die Möglichkeit dieses Zurück ins bürgerlich-kaufmännische Geborgensein in Deutschland zu haben, das sich heute als hinfällig erwiesen hat. Man wird, überdenkt man so noch einmal die Geschichte des Blau-Weiß, an das elegische Gespräch erinnert, das Disracli angesichts der Heiligen Stadt Jerusalem zwei junge Menschen von hohem Ideal führen läßt (Schlußkapitel von „Tancred")- „Ich habe von ungefähr den Eindruck, daß heroische Vorhaben vertan und edle Kräfte verworfen wurden; und doch, vielleicht ist niemand persönlich dafür zu tadeln. . Nicht so pessimistisch wie der Blau-Weiße das Scheitern seiner Erwartungen wird der Historiker die Wirkung des Blau- Weiß zu beurteilen haben. Am Vor- oder Gegenbild des Blau- Weiß haben sich bewußt und unbewußt alle folgenden deutschjüdischen Jugendbunde ausgerichtet. Der Blau-Weiß war die erste Gruppe innerhalb der deutsch-jüdischen Jugend, die eine 352