Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Die "Kameraden"
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 339 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895522-2903373--06673-2903409- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erich Hirschberg: Die „Kameraden Ein Weg ins Judentum Nicht ohne Sorge kann man im gegenwärtigen ZeitpunktderGeschichte des deutschen Judentums an einen Versuch gehen, die geistige Linie der deutschjüdischen Jugendbewegung an der Entwicklung der „Kameraden" zu verfolgen. Gerade wer jahrelang mit aller Kraft in dieser Bewegung gestanden hat, ist bescheiden geworden; denn auch mit tiefem Ernst gesprochene-Worte sind oftmals nicht von entsprechenden Taten begleitet worden, sondern in Forderungen und Versuchen stecken geblieben. Eine historische Betrachtung erscheint auch deshalb nicht angängig, weil Rückschau oft nur die „Kehrseite der Münze Tatenlos" ist. Nur wenn man wirklich bereit ist, aus Vergangenem, auch aus Fehlern, zu lernen, wird heute Rückschau erlaubt sein. Mit diesem Vorbehalt gehe ich an meine Aufgabe. Als im Jahre 1916 in Breslau, dem Ausgangspunkt mannigfacher jüdischer Entwicklungen, der jüdische Wanderbund Kameraden :ns Leben trat, war seine jüdische Note noch unbesehen von den Alten übernommen: er war „antizionistisch". Sein Ziel, das Wandern in der jüdischen Jugend zu pflegen, war neu, aber von den Alten protegiert. Wirklich neuartig gegenüber seinen Altvordern war der nicht geschriebene, aber ausgesprochene Satz, das Wandern „um des Wanderns willen d. h. als Selbstzweck, tendenzlos, ohne apologetisches Ziel zu betreiben. Man ging nicht etwa auf Fahrt, um zu zeigen* daß auch Juden nach Wandervogelart wandern können, daß auch sie kräftig und bescheiden und naturgeöffnet sind; man sah im Wandern nicht einen Sport, nicht ein Mittel körperlicher Ertüchtigung, sondern mehr als das: den Weg zur inneren Befreiung von dem naturfremden Städtertum, von dem einseitig überzüchteten Intellektualismus und von einem geschäftstüchtigen Nützlichkeitsstrebertum. Ein so hohes Bild der Selbsterziehung in den Dienst eines Zweckes, und sei er noch so berechtigt, zu stellen, lehnte man entrüstet ab. In diesem Wunsche, die Vielfältigkeit des Wandererlebnisses zur Bildung von Geist und Seele auszuwerten, war die Einordnung in die deutsche Jugend- 339