Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Rückwanderung u. Berufsumschichtung in Osteuropa
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 334 (sequence 3)
- Language
- German
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daran, daß ihnen kein Preis geboten wird, der es ihnen erlaubte, in die Stadt zu übersiedeln. Eher wäre daran zu denken, daß Juden für ihren eigenen Bedarf und später für den städtischen Markt den Anbau von Gemüse auf Pachtland erweiterten. Das hätte den Vorteil, daß für den Anfang nicht allzuviel Kapitalien erfordert würden und daß. wie jede landwirtschaftliche Klcinerzeugung, auch diese Produktionsweise L.ren Rückhalt in der eigenen Hauswirtschaft fände. So wie die Dinge liegen, fehlt zu diesem Plan aber diese wichtigste Voraussetzung: der Sclbstverbrauch. Die jüdische Küche bevorzugt aus Tradition einseitig die Fleischkost. Nicht minder entscheidend ist die bereits oben beschriebene Landnot in Polen, die jeglicher größeren inneren Kolonisation rasch Grenzen setzen müßte. Die jugendliche Berufsumschichtung, die durch den H e c h a l u z betrieben wird, steht daher in direktem Zusammenhang mit der geplanten Auswanderung nach Palästina. Die Bewegung hat sich in den letzten Jahren vervielfacht und umfaßt sowohl die landwirtschaftliche wie auch die handwerkliche Hachscharah. Von der umsch'ichtungswüligcn organisierten männlichen und weiblichen Jugend, kann infolge der beschränkten Möglichkeiten nur jeweils der kleinere Teil ausgebildet werden. Aber auch diese Ausbildung ist infolge der Ungunst und Beschränktheit der Verhältnisse nur zum Teil mit der in Mittel- und Westeuropa bisher gepflegten zu vergleichen. Es gibt in Osteuropa nur wenige landwirtschaftliche Lehrgütcr, in denen die Ausbildung ganzjährig ist. Der größere Teil der sich landwirtschaftlich Umschichtenden kann nur während der landwirtschaftlichen Hauptarbeitszeit (von Ende Juni bis Ende August) z. B. auf großen Gütern die Erntekampagne mitmachen. Man müßte deswegen, um falsche Vorstellungen zu vermeiden, zweckmäßiger für diesen Teil der in Hachscharah Befindlichen von einer landwirtschaftlichen Arbeits Schulung sprechen. — Da im Gswerbc die Investitionskosten für berufliche Schulung zum großen Teil nicht so hoch sind wie in der Landwirtschaft (infolge des notwendigen Erwerbs von Liegenschaften), so hat sich in den letzten Jahren in den Städten eine eigenartige Form der Selbsthilfe ergeben: die Jugendlichen bilden Kollektive (Kibbuzim), die bestimmte Arbeiten im Akkord übernehmen und die vom Ertrag ihrer Arbeit auch bereits Wohngemeinschaften erhalten. Diese Kollektivformen bilden eigentlich eine Vorwegnahme der in Palästina üblichen Arbeits- und Lebensform. Ihr Wert ist nicht nur ein beruflicher und materieller. Nicht minder wichtig ist das unmittelbare pädagogische Vorbild, das sie der Jugendbewegung der Heranwachsenden vermitteln. Hanns Reißner. - In Kürze erscheint: JULIUS BAB Ueuibrandt und Spinoza Vorausbestellungen (Preis etwa 2.— RM.) erbittet: Philo Verlag und Buchhandlung G.m.b.H^ Berlin W15. PariserStr.44 334