Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Kulturarbeit der deutschen Juden
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 326 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895521-2903289--06649-2903354- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Man sieht, wie ungeheuer viel auf diesem Gebiet noch zu tun ist, aber wir glauben, daß nach und nach alles getan werden wird, denn das geistige Bedürfnis der deutschen Juden ist stark und wird zu seiner Befriedigung alle Schwierigkeiten überwinden. Was wir deutschen Juden in dieser Kulturbewegung suchen und finden, das ist Erhaltung und Pflege jener zwiefachen Lcbcnswurzcl, aus der bisher unser Dasein wuchs. Wenn wir als Menschen jüdischer Tradition und deutscher Kultur auch heute bereit sind, alle Folgerungen aus jener Abgeschlossenheit, aus jenem Auf-sichselbst-gesteilt-sein zu ziehen, die die politische Situation Deutschlands uns auferlegt, so wollen wir uns doch innerhalb dieser Schranke keineswegs eine illusorische nichts-alsjüdische Kultur, eine Ghettokultur bereiten. Wir wollen im lebendigen Zusammenhang bleiben mit den großen Kulturgütern Deutschlands und der Welt. Wenn am ersten Abend des Berliner Kulturbunds die Darstellung von Lessings Nathan eine wirklich erschütterte Zuhörerschaft fand, sogalt dieser hohe Anteil gewiß nicht in erster Linie der Tatsache, daß dort ein Jude auf der Szene stand, vielmehr hatte an unserer Ergriffenheit Anteil das Bewußtsein, daß ein deutscher Genius diesen Juden geschaffen hat, um durch seinen Mund zur ganzen Menschheit zu sprechen. Julius Bab. Neuordnung im judischen Schulwesen Das vorhandene jüdische Schulwerk, bestehend aus ca. 12 höheren Schulen und 50—80 größeren Volksschulen, ist naturgemäß in keiner Weise ausreichend, um die große Anzahl jüdischer Kinder, die jetzt in jüdische Schulen strömen, ohne weiteres unterzubringen. Es stammt aus einer Zeit, in der das deutsche Judentum um seine kulturelle Einordnung in den deutschen Volkskörper kämpfte, infolgedessen also kein großes Interesse daran haben konnte, seine Kinder in jüdische Sonderschulen zu senden. Eher war das umgekehrte Bestreben der Fall. Die Schulen, die zu dieser Zeit entstanden, sollten entweder der Emanzipation der Juden oder der Eingliederung der aus dem Osten gekommenen jüdischen Kreise dienen; teilweise waren es Gründungen des gesetzestreuen Judentums, das auf diese Weise glaubte, seine Jugend in der Tradition und zugleich im Genuß der Errungenschaften modernen Geistes erziehen zu können. Nur in den Ländern, in denen Protestanten und Katholiken gesonderte Volksschulen besaßen, konnte sich auch ein jüdisches Volksschulwerk in beschränktem Umfange entwickeln. Die wenigen in den letzten Jahren von zionistischen Kreisen ins Leben gerufenen Schulen spielen zahlenmäßig keine Rolle; wohl aber haben sie eine gewisse Bedeutung für die Entwick- 326