Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Kulturarbeit der deutschen Juden
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 324 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kulturarbeit der deutschen Juden In Berlin hat der „Kulturbund deutscher Juden'* seine Arbeit aufgenommen. In den Räumen des Berliner Theaters hat eine Aufführung von Lessings „Nathan dem Weisen" stattgefunden, die mehr als ein Dutzend Mal für die Mitglieder des Bundes wiederholt werden konnte. Gleichzeitig bvgann eine Folge von Konzerten, die, zum Teil von Michael , Taube, zum Teil von Generalmusikdirektor Rosenstock geleitet, Werke von Händel, Mozart, Tschaikowsky zur Aufführung bringen. Im Foyer des Theaters findet eine kleine Ausstellung jüdischer deutscher Künstler statt. Und Ende Oktober setzt eine Vortragsfolgc ein, innerhalb derer unter anderem Leo Baeck, Dr. Prinz, Max Osborn, Arthur Eloesscr, Julius Bab, Annclisc Landau über Themen sehr verschiedener Art sprechen. Die Mitgliedcrzahl des Bundes beträgt bereits über 15 000, und mehr als 200 Menschen — geistige Arbeiter, Verwaltungs- und technisches Personal — finden durch den Bund Erwerb. Das ist ein Anfang. Kein unbedeutender, aber doch nur ein Anfang. Die Stärke, mit der die Bewegung hier eingesetzt hat, beweist jedenfalls, wie außerordentlich stark die deutschen Juden ihre kulturelle Abgcschnittcnheit, ihre Isolierung im geistigen Leben des gegenwärtigen Deutschland empfinden und wie sehr sie einer Form bedürftig sind, in der sie weiterhin geistigen Besitz als Deutsche und als Juden empfangen und erhalten können. Aber diese Situation ist ja keineswegs auf Berlin beschränkt, die geistige Notlage ist ebenso groß in allen anderen Städten Deutschlands und ist bei den kleinen Gemeinden vielleicht am schlimmsten. An Ansätzen, dieser Anforderung gerecht zu werden, fehlt es denn auch in ganz Deutschland nicht. In Köln arbeitet man seit längerem sehr eifrig an der Organisation eines Kulturbundes für Rhein und Ruhr, in Hamburg und in Frankfurt a. M. finden Konzertabende und auch schon Theateraufführungen jüdischer Künstler statt, in Stuttgart hat sich ein Orchesterverein aus jüdischen Musikern gebildet; in Mannheim geschieht Ähnliches. In Breslau ist man sehr rege; nur arbeiten leider verschiedene unternehmende Gruppen neben- und sogar gegeneinander. Die sächsischen Großstädte haben den Berliner Kulturbund eingeladen, mit seiner Nathan-Aufführung bei ihnen zu gastieren. — Aus alledem ergibt sich klar, was zunächst zu. geschehen hat und vermutlich auch bald geschehen wird: eine einheitliche Organisation der vorhandenen Kräfte! Die Spitze dieser neuen deutsch-jüdischen Kulturarbeit wird in Berlin sein müssen — nicht nur, weil die Stärke der angesammelten Kräfte und der Erfolg der Bewegung dafür spricht, sondern weil der Kulturbund in Berlin bisher allein die Konzession der Regierung erhalten hat und weil die entscheidende Stelle vermutlich zwar die Ausdehnung dieser Konzession auf Zweigstellen gestatten, aber keine andere erteilen wird. (Es handelt sich vorläufig nur um eine preußische Bewilligung, aber bei dem Ein- 324