Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Die zwiefache Heimat
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 305 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Unter dem Titel .Nachtwache' läßt Ludwig Strauss soeben eine Sammlung seiner Gedidite aus den Jahren 1919—1933 im Deutschen Budi-Club, Hamburg erscheinen. Ein Nadiktang der Hymnen Hölderlins, dem der Dichter auch wissen' sdiaftlidi wertvolle Arbeiten gewidmet hat, schwingt in diesen Strophen von durchaus eigenwüdisigem lyrischen Ton. Und wehte aus ein selig Prophezein Und eigner reiner Waltung Weltgesichte, Doch welches bebte so im inneren Gerichte Und welchem kehrte sich so wie euch zwein Die eigne Sprache furchtbar gegens Herz, Mit Feuer es durchbohrend und mit Lichte? JLJem Tabor sang ich, den des Juden Hymne weiht: Gleich dir des Herrn Gerechtigkeit Und sang dem Rheine, den des Deutschen Hymne preist: Des Landes flutender Heldengeist. Wie schied ich noch den Kuß Von Himmels Glut auf Berges Haupt, von Himmels Glanz In meinem Blut und Geist und Wort [im Fluß? Wie schied ich je die Kraft von da und dort? Wo sichs bestreitet, klirrts mir mitteninne, In mir kniet Sieg bei Untergang und weint. Und weht um beide Friedenshauch der höchsten Minne, Bin ich geeint. gang der Eltern und Geschwister im Sonntagsstaat mit durch die vollen Straßen zotteln mußte. Unsre Wohnung aber bestand aus verschlossenen Stuben, und in der einzigen, die benutzt wurde, war jeder dem andern im Wege; und ich war nirgends in der ganzen Welt zu Hause. In den Ferien, wenn ich zu meinen Großeltern aufe Land kam, wurde es anders. Mein Großvater war ein frommer Mann, der das Glas nicht an die Lippen setzte, bevor er den Segensspruch getan „Gelobt seist du, Herr, der das Wasser erschaffen hat" und der den Regenbogen nicht ansah, ohne zu sagen „Gelobt seist du, Herr, der die Wunder des Himmels erschuf". Hier fiel es mir wie Nebel von den Augen, daß ich mit der feierlichen Ehrfurcht jemandes umherging, der eines Morgens im Paradiese erwacht 305