Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Die zwiefache Heimat
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 304 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Strauss: DIE ZWIEFACHE HEIMAT LJ'ie Völker rafften ein mit vollen Händen Von Volk nach Volk sein schaffend Herzverschwenden. Wem boten sie wie euch den kalten Haß zu Dank? Wem ward der kleinste Krank So schwer gewogen und so leicht gediegene Spenden? Seid des getrost: Ihr beiden habt das strengste Maß erlost Und das mit glühem Eisen euch in Stirnen sie gemarkt, Das Mal der Fremdlingschaft — Wer Gottes Zeichen ahnt, der liest es: Volk der Kraft, Verfemt, in Fluch, in Haft, Volk, drin das Reich der Völker still zu sich erstarkt. IZuch standen Seher auf und kündeten, Wie Gottes herbstes Recht und Gottes gnädige Wahl Sich zum Geschicke euch verbündeten. — Erwählte heißen heut die Völker allzumal, Und jedem wuchs vom Innersten ein Schein, Der lohte himmelwärts Leo Sternberg: Vom Hohenpriester stamm mich bin vom Hohenpriesterstamm" — begann das zerfetzte Tagebuch, das man unter den Menschenfetzen des Granattrichters blutgetränkt hervorzog. — „Alle meine Ahnen starben am Vorabend des Sabbates, und mit dem dreimaligen „Frieden, Frieden, Frieden" auf den Lippen gaben sie ihre Seele auf. Ich war ein unzufriedenes einsiedlerisches Kind, das sich bei den Spielen der Jugend verlegen im Hintergrunde hielt und Qualen des Unbehagens ausstand, wenn es beim Festtagspazier- 304