Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Vom totalen Staat
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 284 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kurt Wilk: Vom totalen Staat Die grundlegende Umwälzung des deutschen Staatslcbcns, die sich heute vollzieht, kann auch den nicht unberührt lassen, der an ihr nicht aktiv teilgenommen hat. Um die Erkenntnis ihrer Bedeutung muß sich auch der Jude bemühen, obwohl ihn Gesetzgebung und Politik des neuen deutschen Staates gegenwärtig von der deutschen Volksgcnossenschaft ausschließen. Dem Juden, der sich selbst heute wie stets als Deutscher empfindet, bleibt die geistige Teilnahme am gesamtdeutschen Schicksal Pflicht, auch wenn ihm lebendige Mitwirkung an deutschen Dingen versagt wird; gerade in der Aufrechterhaltung solcher geistigen Teilnahme bewährt sich sein Deutschtum. Auch dem Juden, dem innere Verschiedenheit seiner iArt vom Deutschtum stets bewußt war oder in der Erschütterung dieses Jahres bewußt geworden ist, bleibt die Aufgabe, aus der deutschen Staatsgestaltung für sich und seine Art zu lernen. Daß dabei unsere Betrachtung des deutschen Staatslebens von leidenschaftslosem wissenschaftlichem Ernst und von gebotener Zurückhaltung zu sein hat, versteht sich. Gesellschaftliche Totalität des Staates Die revolutionäre Umgestaltung des Staatslebens und Staatsrechts in Deutschland hat das bisherige staatsrechtliche System von verschiedenen Seiten her angegriffen. Am breitesten war schon vor der Umwälzung die Front gegen die liberale Seite des Weimarer Staates: sie umschloß revolutionäre Marxisten, Nationalsozialisten, Konservative von verschiedenster, auch von autoritär-demokratischer Prägung. Wenn sich so grundlegend verschiedene Gegner gleichermaßen gegen den Liberalismus wenden konnten, so geschah dies nur kraft einer bewußten Einseitigkeit, die die Vielfalt des politischen Lebens unter der Herrschaft liberaler Ideen vernachlässigt, den Liberalismus polemisch vereinfacht und eben daraus ihre siegreiche Eindringlichkeit gewonnen hat. Der Liberalismus erscheint als geistige Abtrennung des Individuums von der Gesamtheit, in der es lebt, und als Verwirklichung dieser Trennung im Staatsleben. Demgegenüber wird die Forderung einer umfassenden Gemeinschaft erhoben, die alle Sonderinteressen in sich ver- 284