Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1933)
- Article
- Frankreich als Einwanderungsland [Rezension]
- Date
- 1933-10-01
- Page
- 273 (sequence 3)
- Language
- German
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nngcsiclits des passiven Widerstands, die Dürftigkeit ihrer Ergebnisse bedeuten die Auflösung des Geistes des Sieges: nicht in eine Niederlage, sondern in Mittelmäßigkeit." Über das System der französischen Demokratie läßt Prevost bittere Worte fallen: „Der Vorzug anderer Systeme wie des Kommunismus oder des Faszismus besteht . . . darin, daß sie den Bürger dnuerndan den öffentlichen Dingen interessieren; die Demokratie, die ihren Prinzipien nach dies noch viel stärker tun müßte, tut es durchaus nicht." Werden deutsche Juden — „Ostjuden" links des Rheins — ohne oder mit ihrem Zutun diesmal in Frankreich die Radikalisierung der Geister befördern? Wer als Jude eine Verantwortung verspürt, wird nur mit tiefer Besorgnis zusehen, wie Bankdircktoren, deren Geschäfte in Deutschland mit offenem oder vertuschtem Skandal geendet hatten, sich nunmehr in Paris etablieren. Diesen selbstsicher-kalten Menschen scheinen noch immer die Augen nicht aufgegangen zu sein. Schon einmal haben sie namenloses Unglück über die Gemeinschaft beschworen, der sie entstammen, von der sie sich aber innerlich und meist auch äußerlich losgesagt hatten. Möge die mißtrauische Reserviertheit, die dem französischen Volke allem Fremden gegenüber eignet, ihre sterilen Aktivitäten von vornherein ersticken! Es hätte nicht der erst seit kurzem verfügten Verschärfung der Bedindungen für die Visen-Erteilung nach Frankreich bedurft, um klarzulegen, daß mit der Schilderung seiner sozialwirtschaftlichcn und politischen Verhältnisse unter dem Gesichtspunkt der Einwanderung keine Stellungnahme zum Problem jüdischer Wanderung überhaupt und vor allem keine Empfehlung eines besonderen Landes ausgesprochen werden sollte. Wer heutigentags gezwungen ist, zum Wanderstab zu greifen, und die Verhältnisse verschiedener Länder vor seinem geistigen Auge passieren läßt, muß sich individuell entscheiden. Wer Frankreich insbesondere in Betracht zieht, der wird mit Gewinn die beiden hier angezeigten Schriften lesen. Aber auch wer noch in der glücklichen Verfassung ist, rein beobachtend ein fremdes Land zu studieren, gehe an ihnen nicht vorbei . Wie immer, läßt auch in diesem Fall die Art, in der die Fremde mit gegenwärtigen Problemen ringt, wichtige Rückschlüsse auf das eigene Land zu. Wie anders löst einstweilen der Franzose die volkswirtschaftliche Frage der Arbeit. Wie anders ist bislang in Frankreich das Verhältnis von Patriotismus und Individualismus. „Der Patriotismus der Franzosen, schreibt Prevost, links oder rechts, ist einzig und allein Leidenschaft, souveräne, furchtbare Leidenschaft; wenn aber die Leidenschaften in den großen Augenblicken herrschen, so mißtraut man ihnen im Tageslauf des Lebens, und zwar um so mehr, je stärker sie sind. Dieser Egoismus, diese Listen, dieses Mißtrauen bilden die kleine Weisheit des französischen Volkes, seinen Schutz gegen die großen Gefühle." Hanns Reissner. 273