Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1933)
- Article
- Biblischer Humanismus
- Date
- 1933-10-01
- Page
- 241 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Biblischer Humanismus Von Martin Buber Als 1913 ein von mir versammelter und geleiteter kleiner Kreis pädagogisch interessierter Juden den Plan eines jüdischen Lar.derziehungsheims beriet, dessen Ausführung dann der Weltkrieg vereitelt hat, stellte ich das Lehrprogramm der zu errichtenden Anstalt unter den Begriff eines hebräischen Humanismus. Damit wollte ich sagen, daß, wie das Abendland eine Reihe von Jahrhunderten lang der Sprache und dem Schrifttum der Antike die menschenbildnerischen Kräfte abgewann, in unserm Erziehungsbau der Mittelraum der Sprache und dem Schrifttum des klassischen Israel gebührt als den Mächten, denen wir ein neues zentrales Wirken ermöglichen müssen, damit sie aus dem Stoff des gegenwärtigen Lebens und seiner Aufgaben den Menschen einer neuen jüdischen Würdigkeit gestalten. Als ich 16 Jahre später auf dem XVI. Zionistenkongreß knapp aussprechen wollte, was ich in dem gegenwärtigen Erziehungssystem des jüdischen Palästina vermisse, was ich ihm wünsche, fand ich wieder keinen anderen Namen dafür als den eines „hebräischen Humanismus im realsten Sinn". In diesen neu hinzugefügten drei Worten „im realsten Sinn" sind die Erfahrungen eingefaßt, die ich in drei Jahrzehnten mit der nationaljüdischen Bewegung gemacht hatte. Sie hatte das Volk als solches aktiviert, die Sprache als solche erneut, ohne innerhalb beider, innerhalb der Geschichte, innerhalb der Literatur mit seherischer Erkenntnis und Forderung zwischen echten und falschen Werten zu scheiden, ohne dem Überkommenen Ordnung und Gericht zu entnehmen. Sie hatte verkannt, daß die Urform dieses Volkes aus ordnender und richtender Tat entstanden, die große Urkunde dieser Sprache auf ordnendem und richtendem Wort gegründet war, und daß eine formale „Renaissance" ein aufgeblasenes Unding ist, daß vielmehr von der Wiedergeburt der normativen Urkrafte die Zukunft der auf dem alten Heimatboden neu beginnenden Gemeinschaft abhängt. Hebräischer Humanismus heißt Gestaltung eines hebräischen Menschen, und ein hebräischer Mensch ist etwas ganz anderes als ein hebräisch sprechender Mensch. Konrad Burdach hat in einer bedeutenden Abhandlung1), die das Grundwesen des abendländischen Humanismus bestimmen will, mit hoher Berechtigung auf einen Spruch aus x) Über den Ursprung des Humanismus; abgedruckt in dem Buch „Reformation, Renaissance, Humanismus" (1918). 241