Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1933-08-01 · Heft 3 (August 1933) · p. 215

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 3 (August 1933)
Article
Von jüdischer Jugend
Date
1933-08-01
Page
215 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895515-2895519-2903094--06499-2903187
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Von jüdischer Jugend zieher und Jugendführer müssen eine — über alle Parteirichtungen hinausgehende — gemeinsame Front bilden. Dem Kinde dürfen in den schwierigen Entscheidungen des Tages nicht auch noch verschiedene Direktiven gegeben werden, wie es leider oft jetzt geschieht Sie müssen immer diktiert sein vom Bewußtsein des Juden her, vom Stolz dessen her, dem sein Judentum ein volles Menschentum verbürgt, das jeder Ablehnung, jeder Fremdheit, jedem scheinbaren Ausgeschlossensein mit Würde begegnen kann. Und allmählich wird die Entscheidung vom Erwachsenen aus überflüssig werden; denn das Kind wächst in die Atmosphäre der stolzen freien Entscheidung so hinein, daß es bald selbst weiß, was zu tun und zu lassen ist. Schon zeigt es sich, daß Kinder, falsch oder gar nicht geführt, würdelos handeln, zum Kriechertum, zur Unehrlichkeit, zum Simulanlenlum, zur Aufdringlichkeit da, wo sie unerwünscht sind, neigen. Das ist unmöglich, das schafft verbogene Charaktere, schafft Ghettogeschöpfe I Schwer auch wiegt die Frage des Jasagens zum gegenwärtigen Leben. Aber es scheint, als ob das jüdische Kind stärkere Möglichkeiten in sich hat, anscheinend unkindlich Traditionelles in sich aufzunehmen und in unmittelbar Erlebtes umzusetzen. Es liegt in ihm ein Stück Er.vachscnentum, in seinem Verständnis für Härten des Schicksals, in der Fähigkeit, sich in andere Seelen einzufühlen, und in seiner LeidensfähigkeiL Die Geschichten aus jüdischer Vergangenheit, die man ihm als die Geschichte seiner Väter erzählt, haben viel zu diesen Fähigkeiten beigetragen. Und sie müssen in der jetzigen Situation fruchtbar gemacht werden. Auch das Kind muß mit der Tradition des Judentums so früh und so intensiv wie möglich vertraut werden, muß an Beispielen aus der Vergangenheit gegenwärtiges jüdisches Schicksal verstehen und ertragen lernen, muß erfassen, daß es heute ganz und gar ihm Gemäßes nur im Judentum findet. Für sein religiöses Werden, Jüdisch-werdcn erhoffen wir auch hier alles von dem Vorleben der wahrhaft religiösen Persönlichkeit; sie wird sich in Vater oder Mutter, im Lehrer oder im Führer des Jugendbundes wohl für jedes Kind finden. Wer heute ein jüdisches Kind zu leiten hat, muß in all seinen täglichen Sorgen zunächst praktische Augenblickshilfo leisten. Darüber hinaus muß er es lehren, diese Sorgen als Sorgen des „Tages", gemeinsam mit vielen anderen getragen, anzusehen, muß versuchen — so wenig kindgemäß das klingen mag; die Praxis der letzten Monate hat es schon bewährt — auch das Kind und seine Konflikte hinauszuheben über die Zeit und mit der Ewigkeit vertraut zu machen. 215

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.