Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 3 (August 1933)
- Article
- Von jüdischer Jugend
- Date
- 1933-08-01
- Page
- 212 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895519-2903094--06496-2903184- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Von jüdischer Jugend Von Betty Markus Die radikale Wandlung, die sich im Schicksal der deutschen Juden in den letzten Monaten vollzog, ließ die von ihr Betroffenen sehr verschiedenartig reagieren. Da waren die Ratlosen, Verzweifelten, Haltlosen, die entweder den. Mut zum Leben ganz aufgaben oder neue Lebensmöglichkeiten suchten durch Anschluß an eine Gemeinschaft, mit der sie sonst nur wenig noch verband. Da waren die im Jüdischen verwurzelten Menschen: der Nationaljude, der neue Bestätigung seiner Ideen fand, und der wie der religiöse Jude nicht aus seinem inneren Gleichgewicht gebracht werden konnte, weil da ein Festes war und ist« das jedem Ansturm widersteht Vom Standpunkt des religiösen Juden aus soll hier gesprochen werden. Der im Religiösen verankerte Jude sah mit Erschütterung und Trauer, da& eine Welt um ihn zusammenbrach; aber es war doch nur die Umwelt, die Welt in ihm blieb sicher, blieb stabil. Dem gläubigen Juden kann kein noch so grausames Schicksal den Halt rauben; er kann tief pessimistisch in die Zukunft sehen — und es gibt wahrlich wenig Grund zum Optimismus — er kann in der Sicherheit seiner Seele, kann in seinem Weg nicht wankend gemacht werden. Lernen muß er nur aus dieser Zeit, daß es nicht genügt, selbst zu glauben, daß er auch dahin wirken muß, die Haltlosen zum Glauben zu. führen. Schon sind viele von ihnen — wenn auch durch äußeren Zwang — zur jüdischen Gemeinschaft get.iefte.^ worden. Wenn aber äußerste materielle Not und Existenzkampf nicht ."':e i: .'..errschencle Sorge des Tages sein werden, dann werden diese Mensche*; -icn Zwang von innen her spüren, werden eine positive Beziehung zum Judentum herstellen müssen, weil sie einem neuen Sturm nicht wieder so völlig hilflos begegnen könnten. Schon mehren sich die Anzeichen, daß diese Menschen gerade zur Religion der Väter zurückfinden wollen. Man sucht die Synagoge in viel stärkerem Maße wieder auf, man will seine Kinder in die jüdische Lehre eingeführt wissen. Wir sind weit davon entfernt, darin schon Zeichen wirklicher Gläubigkeit zu sehen. Diese Menschen 212