Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 3 (August 1933)
- Article
- Das Kulturproblem der Juden im heutigen Deutschland
- Date
- 1933-08-01
- Page
- 187 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Kulturproblem der Juden im heutigen Deutschland nicht schon den Rückzug aus der deutschen Kulturgemeinschaft angetreten? In einen Kreis hinein, wo nur von Juden und für Juden geleht, gedacht, gearbeitet wird? — Ich glaube, daß man hier sehr genau unterscheiden muß: Was die Form, den äußeren Aufbau unserer Existenz betrifft, so haben wir heute gar keine Wahl. Es ist lächerlich und selbstmörderisch zugleich, heute auf irgendeinem Gebiet die in sich geschlossene jüdische Organisation abzulehnen, weil das den absoluten Abschluß bedeute. Wir sind heute in einem Zustand, den wir wahrlich nicht gewählt haben, den zu ändern uns aber jede Macht fehlt. Und wir haben auf jedem, und so namentlich - auch auf geistigem und kulturellem Gebiet nur die Wahl, zugrunde zu gehen oder uns in der erzwungenen Lebensform einzurichten. — Welchen Inhalt wir aber dieser Form geben, das ist unsere Sache. Und ich glaube, daß der Abschluß, den man früher im alten gefährlichen Sinne als Ghetto bezeichnete, doch sehr viel mehr eine Sache des Inhalts als der Form ist. Man kann uns verbannen aus dem aktivbürgerlichen Leben Deutschlands aber nicht aus dem geistigen deutschen Leben und aus der Welt, in dem wir nun seit mehr als fünf Generationen wurzeln und wachsen. Wir können und wir wollen nicht aufhören, so gut wie in den großen Traditionen des Judentums den Urgrund unseres Wesens und Handelns zu erblicken in dem Werk von Lessing und Goethe, von Kant und Humboldt, von Rembrandt und Beethoven. Und weiter bekennen wir uns zu der Gemeinschaft der europäischen Völker, deren Wesen Lionardo und Michelangelo, Cervantes und Shakespeare, Voltaire und Rousseau, Dostojewski und Ibsen bestimmt haben. Wenn wir in den nächsten Zeit gezwungen sein werden, unser kulturelles Leben so einzurichten, daß es in vieler Beziehung nur noch Juden sind, die einem Kreise, der vielfach ausschließlich aus Juden besteht, die geistige Nahrung bringen, so werden wir deshalb noch nicht im Ghetto leben, — in einer Welt, die ihre rein jüdische Tradition von der Berührung mit dem Geiste der Umwelt abschließt und dadurch zum Vertrocknen bringt. Wir werden lernend, lehrend und arbeitend Mitglieder der deutschen und der europäischen Kullurgemeinschaft bleiben, und dadurch, wie wir glauben, treue und nicht unnütze Mitarbeiter an der unsterblichen und allen gemeinsamen Sache der Menschheit Während der Drucklegung dieser Zeilen ist, zunächst in Berlin, ein „Kulturbund deutscher Juden" ins Leben getreten, der im Sinne der obigen Ausführungen zu arbeiten pedenkt. Der Bund, der für seine Tätigkeit die ausdrückliche Biegung der Behörden erhalten hat, hat sein Bundesbüro verläufig in Berlin-Charlottenburg, Mommsenstr. 56. An seiner Spitze stehen Dr. Kurt Singer, Julius Bab, sowie Vertreter aller großen jüdischen Organisationen. 13'